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FAZ.NET-Frühkritik : Gruppentherapie bei Plasberg

  • -Aktualisiert am

Frank Plasberg Bild: WDR

Am Tag nach der Bundestagswahl versuchten die Parteien, zur Normalität zurückzufinden. Sie erinnerten dabei an römische Legionäre.

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          Wir sind im Jahr 48 vor Christus. Römische Legionäre sitzen mit blauen Augen, zerbeulten Helmen und Schilden in einem von unbeugsamen Galliern verwüsteten Feldlager. Cäsar kommt auf seinem Schimmel herein geritten und sagt zu dem Centurio: „Wir müssen die Lage in Ruhe analysieren.“ So ähnlich kommt einem die Politik in Berlin 2013 nach Christus vor. Mit Ausnahme der Unionsparteien und der AfD wurden alle anderen kräftig verprügelt. So sitzen sie mit blauen Augen bei Ulrich Deppendorf im „Brennpunkt“ der ARD und wollen in Ruhe ihr jämmerliches Aussehen analysieren.

          In den Asterix-Comics läuft die Geschichte allerdings anders. Dort kommt nach dem Auftritt Cäsars ein brüllender Centurio und reicht den Legionären einen Besen. Das gallische Dorf ist für Cäsar zwar ein Ärgernis, aber nicht bedrohlich. Der Besen in der Hand des verhauenen Legionärs symbolisiert die Rückkehr zur Normalität.

          „Neue und bewährte Gesichter“

          Nun sind Besen im politischen Berlin nur bei prekär beschäftigten Reinigungskräften zu finden. Allerdings hat die Politik ihre eigene Form zur Normalität zurückzufinden, selbst nach historischen Wahlergebnissen. Parteien analysieren nicht in aller Ruhe, weil sie Zeit zum Nachdenken brauchen, sondern sie hassen als Großorganisationen schnelle Veränderungen. Die Debatten über die zukünftige Personalpolitik oder mögliche Koalitionen helfen dabei, den ersten Schrecken zu überwinden. Der amtierende Bundesvorsitzende der Grünen, Cem Özdemir, drückte das gestern Abend für seine Zunft mustergültig aus. Die Grünen würden in Zukunft auf „neue“, aber auch „bewährte Gesichter“ setzen und sie würden sich das Gesprächsangebot der Bundeskanzlerin, „wie es sich gehört“, anhören. Solche Sentenzen sind in allen Parteien zu finden und drücken jene Erleichterung aus, nach dem Wählervotum wieder zur Normalität zurückkehren zu können.

          Bekanntlich droht die Prügel durch den Wähler nur alle vier Jahre. In der FDP ist das allerdings anders. Sie wird einen Großteil ihrer Parteiinfrastruktur verlieren. Zuerst trifft es die Abwicklung der Bundestagsfraktion, später die parteinahe „Friedrich Naumann Stiftung“. Deren Bundeszuschüsse sind an der Mitgliedschaft im Bundestag gebunden. Dazu kommt der Verlust an Präsenz in den Massenmedien.

          Der Fraktionsvorsitzende der FDP im Kieler Landtag, Wolfgang Kubicki, machte daher deutlich, dass die Partei an einem Plan arbeite, wie die verbliebenen FDP-Landtagsfraktionen diesen Verlust kompensieren könnten. Die schon immer finanzschwachen Liberalen sind auf dem Status der Piratenpartei gelandet. Kubicki hat aber Problembewusstsein bewiesen. Es ginge vor allem darum, die ehrenamtlich tätigen Funktionäre an der Basis zu stabilisieren. Was er nicht sagte: Um den drohenden Zerfall der Partei zu verhindern.

          Die FDP verliert das, was etablierte Parteien auszeichnet: die Möglichkeit, Karrierewege anzubieten, und zur Patronage, wenn es um die Besetzung öffentlicher Ämter geht. Etwas Vergleichbares hat es in der deutschen Parteiengeschichte nur bei revolutionären Umwälzungen gegeben. Ironischerweise hat es eigentlich nur die heutige Linke geschafft, solche Veränderungen zu überleben. Es ist aber fraglich, ob sich die FDP jetzt ausgerechnet an der Nachfolgepartei der SED orientieren will.

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