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FAZ.NET-Frühkritik : Der richtige Arzt ist gut zu seiner Mutter

  • -Aktualisiert am

Sandra Maischberger gab den Enttäuschten und Getäuschten Gelegenheit, sich zu offenbaren. Bild: dapd

Wer ist schuld, wenn falsch behandelt wird, kriminelle Ärzte oder falsche Anreize im Gesundheitsbetrieb? In „Menschen bei Maischberger“ ging es um die Suche nach dem richtigen Arzt: Vertrauen oder Misstrauen - die Strategie bleibt wohl eine Frage der Persönlichkeit.

          In einer Talkrunde geht es mitunter zu wie in echten Gesprächsrunden: Wer auf seine Krankheiten zu sprechen kommt, erzählt erst einmal lang und ausführlich. Sandra Maischberger gab vor allem den Enttäuschten und Getäuschten Gelegenheit, über ihre unglückliche Geschichte zu berichten. Zum Beispiel der Patientin Andrea Dittrich, die regelhaft nach dem Essen Schmerzen hatte. Sie litt vermutlich an einem Darmverschluss, ihre Diagnose wurde jedoch verschleppt, weil man ihr psychosomatische Beweggründe und Essstörungen unterstellte: „Der Arzt hat mich gefragt, ob man mir mal ein Schippchen geklaut hätte“ sagte die Frau, die schließlich notfallmäßig operiert werden musste und danach eine Zeit lang gelähmt war. Oder die Patientin Petra Rädlinger, die sich regelrecht von heute auf morgen zu einer Rückenoperation genötigt fühlte. Seither sind ihre Schmerzen nicht weniger geworden, aber sie hat Schäden davon getragen, kann sich nicht mehr normal bewegen.

          Der Gastroenterologe und Ärztefunktionär Dr. Arno Theilmeier übernahm gestern Abend die Rolle desjenigen, der medizinische Fehlschläge als Einzelfall rational zu erklären versuchte, während der investigative Journalist Frank Wittig die Strukturprobleme im maroden deutschen Gesundheitssystem an den Pranger stellte. Der Titel seines aktuellen Buches „Die weiße Mafia“ fasst sein Misstrauen gegenüber dem Medizinbetrieb treffend zusammen, er sieht hier vornehmlich Geldgier, Lobbyismus und Geschachere am Werk. Weniger als Ärztin, vermutlich eher ihrer vermittelnden Art und eigenen Krankengeschichte wegen, war die Tagesschau-Moderatorin Susanne Holst geladen. Auch von dem CDU-Mann Wolfang Bosbach war nicht seine politische Expertise gefragt, seine Krebserkrankung und sein Zusammenbruch auf einem Parteitag hatten ihn in die Runde gebracht.

          Handreichung wichtiger als richtige Diagnose

          Wie ein guter Arzt ließ Frau Maischberger ihre Patienten zunächst einmal erzählen. Herrn Bosbach von seinem „technischen K.O.“, den ihm ein defekter Defibrillator am Herzschrittmacher eintrug, von dem Kabelsalat in seinem Herzen, den man auf dem Röntgenbild sah, von der kniffeligen Entfernung einer defekten Sonde. Susanne Holst hatte mit weniger dramatischen, dafür aber sehr hartnäckigen Beschwerden zu kämpfen gehabt. Sie hatte Schmerzen in den Händen, rheuma-ähnliche Beschwerden, die sie außerstande setzten, ein dickes Buch zu halten. Niemand fand heraus, an welcher Krankheit sie litt, und als studierte Ärztin habe es sie „verrückt gemacht“, nicht zu wissen, was ihr die Probleme bescherte. Nicht die Odyssee zu vielen verschiedenen Ärzten machte dem Leiden ein Ende, sondern das Leben selbst, Kinder, eine andere Einstellung und ein wenig Ernährungsumstellung. „Ich hätte mir jemanden gewünscht, der mich an die Hand nimmt“, sagt sie heute, ein erstaunlich freimütiges Bekenntnis von einer Fachfrau in Zeiten, da wir den wohlinformierten Patient zum Maß aller Dinge machen. Leitbild ist der, der dem Arzt auf Augenhöhe begegnet, ihm das Wissen aus einschlägigen wissenschaftlichen Studien um die Ohren haut, die der Arzt vermutlich nicht mal gelesen hat.

          Auch heute würde Frau Holst, gefragt von der Talkmasterin, wo sie denn nach einem guten Arzt suchen würde, Ärzte-Bestenlisten und Bewertungen im Internet nicht genügend trauen wollen. Sie setzt auf die Sorte Vertrauen, von dem Ärzte heute nur noch träumen können: „Ich würde ihn fragen, wie er seine Mutter behandeln würde“.

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