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FAZ.NET-Frühkritik: de Maizière bei ARD und ZDF : Flächenbombardement des Selbstverteidigers

Verteidigungsminister Lothar de Maizière am gestrigen Mittwoch im Bundestag. Bild: dpa

Thomas de Maizière konnte am gestrigen Mittwoch keiner entkommen. Am Abend versorgte der Verteidigungsminister hintereinander die Zuschauer von Erstem und Zweitem. Er nutzte die doppelte Bühne geschickt, um sich angesichts des Drohnen-Desasters zerknirscht, aber auch entschlossen zu präsentieren.

          Die Sache begann am Mittwochfrüh um 7.30 Uhr in Berlin. Da nahm Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) am Treffen der Obleute des Verteidigungsausschusses teil und begann zu erklären, wie die Sache mit den Drohnen (schief)gelaufen war. Davon bekam der Fernsehzuschauer noch nicht viel mit. Doch im Laufe des Tages wurde es immer schwieriger, dem Selbstverteidiger zu entkommen. Keine Nachrichtensendung ohne das Thema. Ab dem Mittag gab es dann Übertragungen seiner Auftritte, erst vor der Bundespressekonferenz, dann vor dem Bundestag.

          Feuerwerk am Abend

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Doch weil das alles noch nicht genug zu sein schien, wurde am Abend ein richtiges Feuerwerk in den öffentlich-rechtlichen Sendern abgebrannt. Erst trat de Maizière von 22 Uhr an in der ARD-Sendung „Farbe erkennen“ auf und ließ sich von Ulrich Deppendorf und Thomas Baumann dazu befragen, was denn bei der Drohen-Nichtbeschaffung falsch gelaufen sei. Kaum war die Viertelstunde vorbei, ging es im ZDF bei „Was nun?“ weiter. Peter Frey und Bettina Schausten stellten die Fragen noch einmal. Doch so sehr sich die Chefredakteure und Studioleiter auch bemühten, die Antworten des Ministers waren nicht nur ähnlich, sondern zum Teil wortgleich.

          Wie sollte das auch anders sein. Gleiche Fragen, gleiche Antworten. Ob er die Verantwortung, für den Millionenverlust durch das gescheiterte Drohnenprojekt Euro-Hawk denn etwa auf seine Mitarbeiter abladen wolle? Nein, will der Minister nicht. „Ich muss mich an die eigene Nase fassen.“ Ob er sich ärgere? Ja, der Minister ärgert sich sehr. Wie viel Geld des Steuerzahlers „verbrannt“ sei dadurch dass die Aufklärungsdrohne Euro-Hawk nicht eingesetzt werden könne? Etwa 250 Millionen Euro. Verdammt viel Geld, oder? Ja, verdammt viel Geld, sagte zerknirscht der Minister.

          Nur die Abläufe waren nicht befriedigend

          Thomas de Maizière brauchte im Übrigen gar nicht so viele Fragen. Er hatte seine Botschaft auch so mit in die beiden Fernsehstudios gebracht. Die Entscheidung, das Projekt abzubrechen, sei in der Sache richtig gewesen. Das gelte auch für den Zeitpunkt des Abbruchs. Bei anderem Verhalten wäre nur noch mehr Steuergeld verloren gegangen. Nur die Abläufe seien nicht befriedigend gewesen, sagte der Minister, womit er die Tatsache meinte, dass er von seinen Leuten erst unterrichten wurde, als die schon eine Entscheidung getroffen hatten.

          Der Merkel-Vertraute, der im ZDF deutlich machte, wie gern er nach der Bundestagswahl die Geschicke der Bundeswehr weiter leiten will, nutze die doppelte Bühne am Mittwochabend geschickt, um dem Fernsehpublikum eine Mischung aus Zerknirschtheit angesichts des Geschehenen und Entschlossenheit, in Zukunft alles besser zu machen, zu präsentieren. Die Asche auf seinem Haupt sollte der von ihm entfachte Wind of Change gleich wieder wegblasen.

          Kaum Gelegenheit, ihn in die Zange zu nehmen

          Die Kurzformate, in denen er auftrat, ließen den beiden Befragern jeweils wenig Gelegenheit, de Maizière in die Zange zu nehmen oder gar von seinem vorher genau festgelegten Weg abzubringen. Wie schon nach der Fernsehbefragung von Bundespräsident Christian Wulff auf dem Höhepunkt der durch seinen Hauskredit entfachten Krise fragte der Fernsehzuschauer sich nach de Maizières Auftritten am Mittwoch, ob das wirklich ein geeignetes Format für eine differenzierte Auseinandersetzung ist. Oder ob der öffentlich rechtliche Rundfunk nicht vielmehr einem Politiker eine Bühne zur Selbstdarstellung bietet. Vielmehr: zwei Bühnen.

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