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FAZ.NET-Frühkritik: „Beckmann“ : Worüber lässt sich noch sprechen?

„Eine Heldin, die sich von der Last der Vergangenheit befreit hat“: Nastassja Kinski über ihre Schwester Pola, die vom Vater jahrelang missbraucht wurde Bild: dpa

Jahrelang wurde Pola Kinski von ihrem Vater missbraucht. Im Fernsehen erzählt sie, worüber sie ein Buch geschrieben hat. Und warum sie das erst jetzt tun konnte.

          Je schwieriger die Fragen sind, desto quälender werden die Talkshows. Nun ist am Fall Kinski einerseits nichts besonders schwierig. Es gibt eigentlich nichts zu diskutieren. Niemand stellt in Frage, dass Pola Kinski von ihrem Vater missbraucht wurde, und das vierzehn Jahre lang, wie sie es in ihrem erschütternden Buch „Kindermund“ darstellt. Niemand, der sich öffentlich äußert, hält das für ein Kavaliersdelikt. Und auf die Frage, ob Klaus Kinski ein großer Schauspieler war oder nicht, gibt der Fall auch keine Antwort.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Andererseits ist der Fall Kinski entsetzlich schwierig – für die Tochter, die dieses Buch geschrieben hat. Worüber lässt sich also öffentlich noch sprechen, wenn Pola Kinski bei Beckmann am Tisch sitzt, neben ihr Andreas Huckele, ehemaliger Odenwaldschüler und ebenfalls Opfer sexueller Gewalt, gegenüber Christian Pfeiffer, der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsens, dem die Bischofskonferenz dieser Tage den Forschungsauftrag zur Aufklärung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche entzogen hat, und neben diesem dann noch Pater Hans Langendörfer, der Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz?

          „Verstehen Sie das?“

          Gut, dass auch noch Ursula Enders vom Opferverein Zartbitter mit am Tisch saß – ihr kam manchmal die Rolle zu, gleichsam zu beglaubigen, was Pola Kinski von dem Prozess, der zum Schreiben dieses Buchs führte, erzählte. Denn warum sie erst jetzt mit der Sache herausrückt, das wollte Beckmann natürlich als erstes wissen. Weil sie es jetzt erst konnte, sagte Pola Kinski. „Verstehen Sie das?“, fragte Beckmann dann Frau Enders, und diese beeilte sich, Frau Kinski beizuspringen.

          Pola Kinski sprach klar, ohne Schablonen, und doch hätte man ihr gewünscht, sie säße da nicht, müsste nicht einen Einspieler sehen, in dem ihr Vater seinerseits in einer Talkshow über Sex mit Kindern spricht, abmoderiert von Beckmann mit einem Halbsatz über den „schmalen Grad zwischen Genie und Wahnsinn“, müsste nicht das kleinliche Geplänkel zwischen Pfeiffer und Langendörfer über geschredderte oder nicht geschredderte Akten und wie wichtig sie für die Aufklärung der Missbrauchsfälle in der Katholischen Kirche gewesen wären, mit anhören, und überhaupt nicht befragt werden zu ihrer Geschichte, die sie doch so, wie sie darüber sprechen will, aufgeschrieben hat.

          Pola Kinski am Donnerstag zu Gast bei Moderator Reinhold Beckmann

          Das Problem mit dieser Sendung war, dass sie eigentlich kein Thema hatte. Missbrauch in der Familie, das wäre ein Thema gewesen, mit anderen Gästen. Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der Katholischen Kirche und die Schwierigkeiten dabei ein anderes. Die Odenwaldschule ein weiteres. Doch jenseits der Gewalt, der die Opfer ausgesetzt waren, gibt es keine Verbindungen zwischen diesen Fällen. Die Erzählungen von Traumatisierung, die Erinnerungen an Versehrungen, sie verkommen in diesem ungenauen Setting zu grausamen Anekdoten. Wie wäre es mal mit gar keiner Talkshow, solange es nur eine indiskrete Neugierde gibt, aber keine wirklichen Fragen?

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