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FAZ.NET-Frühkritik: Armstrong : Beichten macht glücklich

  • -Aktualisiert am

Armstrong kostet Nerven. Er legt zwar ein umfassendes Geständnis ab - Doping mit EPO, Eigenblut, Kortison und Wachstumshormen, Doping bei allen seinen Tour-de-France-Siegen. Aber seine öffentliche Abrechnung mit seinen eigenen Fehlern, katalysiert durch die nette Frau auf dem Stuhl gegenüber, ist nur ein einziger, langer, lauter Monolog. Ein Fall für einen Psychotherapeuten. Gewiss, er gab zu, dass er all die verbotenen Mittel genommen und Methoden angewendet hatte, die Oprah Winfrey gleich am Anfang aufzählte. Er gab zu, dass er mit anderen bei der Tour de France 1999 die Idee ausgeheckt hatte, vom Teamarzt ein rückdatiertes Rezept fälschen zu lassen, um dem positiven Kortison-Dopingbefund mit einem Trick ins Leere laufen zu lassen. Und das rundete er mit dem  Hinweis ab: „Ich bezahle den Preis dafür. Und das ist okay. Ich verdiene  es.”

Control-Freak, der seinen Joystick wiederhaben möchte

Aber all diese Bausteine des Gestehenwollens und dieses  psychogrammatikalische Geplapper klangen nicht anders als die mea culpas, die berühmte Leute von sich geben, wenn sie überführt worden sind. Sie reden von sich selbst in der dritten Person, stehen wohl auch  irgendwie ratlos neben sich selbst als der Kreatur, die sie weder  richtig ausfüllen können noch richtig verstehen.

„Ich war daran gewöhnt, alles in meinem Leben zu kontrollieren”, sagte  Lance Armstrong, während er die zusammengefalteten Hände ineinander knetete und die Wangenmuskeln angespannt zuckten. Alles inklusive jener Story, wie er vom Rest der Welt gesehen und gewürdigt werden wollte.  „Das ist meine Natur”, erklärte er. „Ich bin mein ganzes Leben ein Kämpfer gewesen.”

Mit den Ermittlungen der Antidopingagentur, der lebenslangen Sperre, dem  Abspringen der Sponsoren und dem Verlust jeder Rolle in der von ihm  gegründeten Stiftung, war ihm dieser Joystick in seinem von List und Lügen zusammengeklebten X-Box-Leben abhanden gekommen. Andere bestimmten  plötzlich das Bild. Das und wie viel Geld einer mit solch einem hässlichen Image noch verdienen kann.

Täuscher der Behörden: Jahre lang weigerte sich Armstrong, Doping zu gestehen

Büßen, also. Was sonst? Nicht im grob gewebten Zwirn des Ciliciums sondern – Ton in Ton, blaues Hemd mit offenem Kragen, blaues Sakko,  blaue Hose. Elegant, telegen und mit etwas mehr Sprenkel an Grau in den Haaren als früher. Reue, also. Was sonst? Um mit einem Geständnis ausbrechen zu können aus der lähmenden Isolation. Und um auf diese Weise neue Breschen in das Leben der anderen zu schlagen.

Irgendetwas an diesem Plan scheint Oprah Winfrey imponiert zu haben.  Diesen Hochleistungs-Hochstapler von seinem Plateau heruntergeholt zu  haben. Auf jene Augenhöhe, auf der es so schön menschelt. „Ich bin heute  glücklicher”, sagte er, nachdem er die erste Stunde auf dem Beichtstuhl  abgesessen hatte. Und das war sicher alles, was Frau Winfrey hören wollte, obwohl sie ungläubig nachfragte: „Auch nach all diesen Geständnissen glücklicher als in den Jahren auf dem Gipfel des Erfolgs?” „Das habe ich gesagt: Ich bin heute glücklicher als gestern.” Wenn das mal nicht gelogen war.

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