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FAZ.NET-Frühkritik: Armstrong bei Oprah Winfrey : Armstrongs kalkulierte Selbststilisierung

Auf den Fernsehschirmen: Der zweite Teil des Armstrong-Interviews gesehen von den Gästen einer Kaffeebar in Los Angeles. Bild: AP

Im zweiten Teil des Interviews mit Oprah Winfrey schildert Dopingsünder Lance Armstrong, wie er sich selbst seine Rehabilitierung vorstellen würde. Seine Sperre bezeichnet er als „Todesstrafe“. Doch was sollen die krebskranken Menschen davon halten, die von seiner Stiftung unterstützt werden?

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          Er hat einen Plan. Das ist der Ertrag des zweiten Teils des Interviews von Oprah Winfrey mit Lance Armstrong, der am Freitagabend von ihrem Kabelsender, dem Oprah Winfrey Network, ausgestrahlt wurde. Auf die Cliffhanger-Dramaturgie von Reality-TV-Serien hatte die Eigenwerbung verzichtet; es wurden keine Enthüllungen versprochen. Armstrong weiß, was er will, und weiß, wie er die Öffentlichkeit dazu bewegen will, ihm seinen Willen zu gewähren. Einzelne erratische Verlautbarungen aus dem ersten Teil ergeben im Lichte des zweiten Sinn, verweisen auf die Elemente eines Rehabilitationsprogramms, das so systematisch angelegt ist wie jedes Trainingskonzept seiner Karriere.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Manche Beobachter wunderte, wie viel Wert Armstrong in dem am Donnerstag gesendeten Interviewteil auf die Feststellung legte, dass er bei seinen beiden letzten Tourteilnahmen 2009 und 2010 nicht gedopt habe. Er sagte, die Unterstellung, er habe auch nach seinem Comeback weiter verbotene Mittel benutzt, sei der einzige Punkt, der ihn am Untersuchungsbericht der amerikanischen Antidopingagentur wirklich geärgert habe.

          Müsste ihn nicht noch viel mehr empören, dass der Bericht ihm vorwirft, unbequeme Journalisten und abtrünnige Teamgefährten mit den Methoden eines Mafia-Paten eingeschüchtert zu haben? Er war ja offenkundig deshalb zur peinlichen Befragung bei Oprah Winfrey erschienen, ohne vorher den Behörden und der Sportbürokratie gegenüber umfassend auszusagen, weil er darauf setzt, durch die Absolution des Publikums den offiziellen Bewertungen seines Geständnisses zuvorzukommen.

          Unter dem „menschlichen“ Aspekt sind aber Drohanrufe und Verleumdungskampagnen ungleich gewichtiger als die Frage, ob Armstrong bei neun Frankreichrundfahrten oder nur bei sieben betrogen hat. Doch die Wiedergutmachung gegenüber einstigen Freunden oder Angestellten, die er nach eigener Angabe „über den Haufen gefahren“ hat, betrachtet er geschäftsmäßig, als Schadensabwicklung, deren Kosten er abschreiben kann. Er scheint hier sogar bereit, den Geschädigten stärker entgegenzukommen, als aus seiner Sicht notwendig wäre. Daher das seltsame Inaussichtstellen von Entschuldigungen ohne das Bemühen, Anteilnahme wenigstens zu simulieren.

          Seine Bekehrung wirkt unglaubwürdig

          Zwar bezeichnete er einige der Mobbing-Vorwürfe aus den Zeugenaussagen des Untersuchungsberichts als „nicht wahr“, aber ein Grund zum Ärger ist dieser Komplex nicht. Hingegen hängt er seine Ehre, oder was noch von ihr übrig ist, an die Behauptung, nach seinem Rücktritt vom Rücktritt 2008 die alte Trainingsroutine nicht wieder aufgenommen zu haben. Es wird nicht leicht sein, der Öffentlichkeit diese Einschränkung des Geständnisses plausibel zu machen. Die Antidopingagentur stellt fest, dass Armstrongs Blutwerte für 2009 und 2010 mit der Annahme harmonieren, dass er weiter gedopt habe. Er hatte die Verbindung zu seinem Medizinmann Dr. Ferrari nicht abgebrochen.

          Ein Vorteil der Komplikation der Selbstauskunft durch die Unschuldsbeteuerung für die Zeit seit 2008 muss in Armstrongs Augen sein, dass sie den Prozess der Läuterung, an den zu glauben uns zugemutet wird, in die Länge zieht. Das evangelikale Muster der blitzschlaghaften Bekehrung wirkt in seinem Fall unglaubwürdig, weil er seine Kehrtwende unter äußerem Druck vollzieht. Realistischer wäre es da schon, wenn er wirklich zunächst seine Praxis umgestellt haben sollte und die beschämende Konfession nachgeschoben worden wäre. Ist es denkbar, dass Armstrong gar nicht anders kann, als das Kräftemessen mit seinen journalistischen Verfolgern fortzusetzen? War das Geständnis zugleich die Proklamation seines Comebacks in der Arena des moralischen Kampfes? Diese Fragen umrissen das Rätsel des Donnerstags.

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