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FAZ.NET-Fernsehkritik: Mollath bei Beckmann : „Das ist aber Praxis“

  • -Aktualisiert am

Gustl Mollath (rechts) saß während der Sendung neben seinem Rechtsanwalt Gerhard Strate. Bild: dpa

In seinem ersten Fernsehauftritt nach der Entlassung schilderte Gustl Mollath bei Reinhold Beckmann seinen Weg in die Psychiatrie. Es wurde eine Sendung, die ein paar Gewissheiten erschütterte.

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          Wer am Donnerstagabend bei Reinhold Beckmann erstmals mehr über den Fall von Gustl Mollath erfahren hat als nur die Schlagzeilen, die er seit Wochen produziert, könnte die verstörende Erfahrung gemacht haben, dass jeder, der etwas wirklich Unglaubliches nur für einen Moment als wahr annimmt, plötzlich in Gefahr gerät, für verrückt gehalten zu werden.

          Als Gustl Mollath im Jahr 2006 dem Landgericht Nürnberg erklärte, dass Angestellte der Hypovereinsbank ihren Kunden dabei helfen würden, Schwarzgeld in die Schweiz zu bringen, wobei eine dieser Angestellten seine Ex-Frau sei, hörte sich das für den Richter nach einer paranoiden Wahnvorstellung an, und er ordnete die Unterbringung in die geschlossene Abteilung einer psychiatrischen Klinik an. Dabei hatte Gustl Mollath recht.

          Wenn er nun, sieben Jahre später aus der Psychiatrie entlassen, mit seinem Verteidiger, einem Journalisten und einer Gutachterin in der Talkshow sitzt und alle zusammen den Fall nach der Frage aufrollen, ob das jedem passieren könne, dass man unschuldig und gesund über Jahre in der Psychiatrie festgehalten werden kann, und am Ende kommt heraus, ja, das ist möglich, es ist ja gerade passiert – klingt das nicht zuerst auch nach einer paranoiden Wahnvorstellung?

          Als sei er genau dieser Jemand, der wir alle sind

          In etwa so paranoid vielleicht, als würde man annehmen, der amerikanische Geheimdienst läse den E-Mail-Verkehr der halben Welt? „Könnte so etwas jedem widerfahren?“, fragt Beckmann also besorgt.

          Gustl Mollath sitzt in der Sendung, als sei er genau dieser Jemand, der wir alle sind. Er spricht ruhig, fast emotionslos und schildert seinen Fall, als sei er daran nicht beteiligt. Fast fragt man sich, wie einer, der nicht verrückt ist, es in sieben Jahren Psychiatrie nicht werden konnte und was das am Ende für eine Tragödie ergeben hätte, unter einer Voraussetzung eingesperrt zu werden, die sich erst durch die Haft erfüllte.

          Aber Gustl Mollath sagt, er habe sich geweigert, Medikamente zu nehmen. Sonst erzählt er erstaunlicherweise nicht viel über die Zeit. Er ist seit zehn Tagen raus, aber noch nicht frei. Die Wiederaufnahme seines Verfahrens steht noch an, und erst wenn das ihn rehabilitieren sollte, „kann eine Freiheit beginnen“, wie er sagt.

          Danach versucht die Sendung, den Fall aufzurollen, der im Anfang die Ehegeschichte von Gustl und Petra Mollath ist. Der Videoausschnitt einer Gartenparty wird gezeigt, aber warum es in dieser Ehe zu Auseinandersetzungen kommt, warum die Ehefrau ihren Mann wegen gefährlicher Körperverletzung anzeigt, warum in der Verhandlung zu diesem Vorwurf auch noch der des Zerstechens von 129 Autoreifen kommt, das wird nicht erklärt.

          Vieles bleibt unklar

          Die Sendung setzt dort ein, wo Gustl Mollath bereits im Spiegelkabinett der Psychiatrie sitzt, weil man ihn wegen seiner Schwarzgeldgeschichte für nicht schuldfähig, aber für gemeingefährlich hält.

          Gustl Mollath (links) sprach in Reinhold Beckmanns Sendung ruhig, fast emotionslos.
          Gustl Mollath (links) sprach in Reinhold Beckmanns Sendung ruhig, fast emotionslos. : Bild: dpa

          Die einzelnen Wendungen des Falles, was welches Gericht wann entschieden hat, welcher Gutachter wie vorgegangen ist, wer sich wann wie widersprochen hat, kann man nach mehr als einer Stunde dennoch nicht nachvollziehen, aber das kann man, wenn man den gesamten Wikipedia-Eintrag liest, der zwei Zeitungsseiten füllen dürfte, auch nicht.

          Es bleibt unklar, warum die Staatsanwaltschaft dem Vorwurf der Geldwäsche nicht nachgegangen ist, der statt zu Ermittlungen gegen die Bank zu Mollaths Einweisung führte. Es bleibt unklar, warum die Bank den Revisionsbericht, der diese Vorwürfe bestätigte, dem Gericht nicht weitergegeben hat. Es bleibt schließlich unklar, ob Mollath eingesperrt wurde, weil er als gefährlich galt und nicht, weil er die Wahrheit sagt, oder ob er als gefährlich galt, weil er die Wahrheit sagt.

          Womöglich hätten das andere Gäste aufklären können, die betreffende Staatsanwaltschaft zum Beispiel oder die bayerische Justizministerin, die sich lange vor ihre Richter stellte. Aber von solchen möglichen Gästen war trotz Einladung keiner gekommen.

          So konzentrierte sich die Sendung auf die Arbeit der Gutachter, die im Fall Gustl Mollath so verschiedene Ergebnisse gebracht hat, dass sie wie die allmächtigen Türwächter zu den Pforten der Psychiatrie wirkten.

          „In der Szene ist das jedem bekannt“

          Es gebe, sagte die Psychiaterin Hanna Ziegert, die seit dreißig Jahren als Gutachterin arbeitet, in Deutschland eine überschaubare Szene an Experten, die von den Staatsanwaltschaften immer wieder eingesetzt würden und aufgrund ihrer bisherigen Arbeit so gut einschätzbar seien, dass man bei im Grunde schon vorher ahnen könne, was bei einer Expertise von ihnen herauskomme.

          Anders gesagt: Die Gutachter würden nach dem gewünschten Ergebnis beauftragt und lieferten dieses in der Regel dann auch..
          „In der Szene ist das jedem bekannt“, sagte Hanna Ziegert, „aber die Öffentlichkeit weiß das nicht.“

          „Das ist verfassungswidrig“, sagt Mollaths Anwalt Gerhard Strate.

          „Ist aber Praxis“, sagt Hanna Ziegert.

          Womöglich weiß die Öffentlichkeit auch nicht, dass es für ein Gutachten, das einen am Ende in die Psychiatrie bringen kann, ausreicht, die Akten gelesen zu haben, mit dem betroffenen Menschen muss der Experte nicht unbedingt sprechen, wie man bei Gustl Mollath sehen konnte.

          Die Öffentlichkeit weiß möglich auch nicht, dass die Psychiatrien für Außenstehende wie etwa Journalisten schwerer zugänglich sind als Gefängnisse. Die Öffentlichkeit hat sich nur auf den Grundsatz geeinigt, dass jeder gesund oder krank erscheint, je nachdem, wie er die Welt sieht, und dass er dann danach behandelt wird. Nehmen wir für einen Moment an, das Wahrscheinliche in dieser Welt sei falsch und das Unwahrscheinliche wahr – was dann?

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