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FAZ.NET-Fernsehkritik: Günther Jauch : Kein Blatt vor dem Mund

Ohne Häme geht es eben auch: Günther Jauch in seiner Arena. Bild: dpa

Die Diskutanten bei „Günther Jauch“ machten den Stil der Kritik an Tebartz-van Elst zum Thema. Der Trierer Bischof Stephan Ackermann hielt einen Verbleib seines Limburger Amtskollegen für unmöglich.

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          Es war schon eine Schlappe der Aufklärung, dass der bestbewachte Bischof der Welt am Sonntag unerkannt im Morgengrauen nach Rom entkommen konnte. Der frühe Vogel fängt den Wurm, aber als Franz-Peter Tebartz-van Elst um fünf Uhr morgens am Flughafen Hahn den Billigflieger bestieg, war die Öffentlichkeit noch in den Federn. Das Blitzlichtgewitter, auf das man sich tags zuvor noch am Frankfurter Flughafen eingerichtet hatte, fiel aus. Der Bischof hatte in letzter Minute einfach umgebucht, sein möglicherweise letzter Kniff, mit dem es ihm gelang, seine Bewacher abzuschütteln, die sich durch dieses doch eigentlich naheliegende Manöver erstaunlicherweise ausbremsen ließen. Aber die Bürger schauen nicht mehr weg, egal zu welcher Tageszeit. Wäre unter den frühmorgendlichen Fluggästen nicht ein geistesgegenwärtiger Handyreporter gewesen, der pflichtbewusst der „Bild“-Zeitung ein bischöfliches Foto aus dem Innern des Billigfliegers zuspielte, so hätte der Bischofssprecher hernach mit Unschuldsmiene erklären können, sein Chef sei wie durch ein Wunder vom Erdboden verschluckt. 

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

          Der Runde, die sich bei „Günther Jauch“ der Materie annahm, fehlte jeder Ton von Hatz und Häme, von Freiwild-Schießen nach dem Motto „So lacht das Netz über Tebartz-van Elst“. Man machte im Gegenteil auch den Stil der Kritik zum Thema des Gesprächs, nicht nur die Kritik selbst. Die enthemmte Art, es im Furor der Enthüllungen auf die persönliche Vernichtung anzulegen – eben in der Überbietungsdynamik der Meute aufzutreten --, hat etwas Widerliches, Beunruhigendes auch, weil es jeden treffen kann, wenn Kritik sich vom Takt zu lösen beginnt. Das war der wiederholt bekräftigte Konsens in der Runde. Insofern ohne Übertreibung: eine Sternstunde kritischer Öffentlichkeit, die Jauch-Sendung diesmal. 

          Der fällige Privilegienabbau

          In der Sache selbst nahm man kein Blatt vor den Mund. Der Trierer Bischof Stephan Ackermann hielt einen Verbleib seines Amtskollegen in Limburg für unmöglich, da zumal nach dem beantragten Strafbefehl die für die bischöfliche Arbeit nötige Akzeptanz definitiv dahin sei. Der Journalistin Christiane Florin gelang es, über Badewannen, Adventskränze und Einbauschränke so zu sprechen, dass nicht nur persönliche Verfehlung, sondern der strukturelle Reformbedarf im Zentrum stand (Eugen Drewermann hatte zugunsten dieses Aspekts letzte Woche Tebartz-van Elst gar ganz aus der Schusslinie nehmen wollen, eine absurde Überspitzung). 

          Auch Manfred Lütz, Chefarzt eines katholischen Krankenhauses, lenkte den Blick auf strukturelle Verrücktheiten, die damit zusammenhängen, dass die Kirche in der Dienstordnung ihrer Einrichtungen deutlich hinter den säkularen Standards zurückbleibt, zum Teil unter ausdrücklicher Inanspruchnahme geltender, aber unhaltbarer kirchlicher Privilegien. Lütz knüpfte hier an die Rede an, die Benedikt XVI. vor zwei Jahren in Freiburg gehalten hatte, mit Worten, die in der Tat auch vom Nachfolger-Papst Franziskus hätten stammen können: „Die von materiellen und politischen Lasten und Privilegien befreite Kirche kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden, wirklich weltoffen sein.“ Jauch ließ durchblicken, dass der fällige Privilegienabbau der Kirche demnächst eine eigene Sendung wert sein könnte.

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