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Fernsehkrimi „Nachtschicht“ : Gewalt gegen Frauen gehört hier zum Geschäft

Bild: ZDF

Lars Becker hat einen seherischen Krimi gedreht, der von Flüchtlingen handelt: „Nachtschicht. Der letzte Job“ erzählt von Gewalt gegen Frauen, von Ohnmacht, von der Angst vor rechtsfreien Räumen. Und ist damit aktueller denn je.

          „Die Toten grinsen mich an. Ein Mord zu viel, es kotzt mich an“, sagt die Kommissarin und Psychologin Lisa Brenner (Barbara Auer), als die nächsten beiden Leichen auftauchen. Die Kriminalbeamtin ist mit den Nerven am Ende, sie ist an ihre Grenzen gelangt, und Stunden darauf überschreitet sie diese womöglich. „Als Polizist laufen Sie den Todesfällen hinterher, dieses Mal wollte ich schneller sein“, versucht sie sich an einer Erklärung. Da sitzt sie den beiden Kollegen von der internen Ermittlung gegenüber. Die hören zu und nicken und gehen fest davon aus, dass Lisa Brenner einen mutmaßlichen Mörder erschossen hat, weil sie das Recht selbst in die Hand nehmen wollte. Nicht aus Notwehr.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Ausgehend von diesen Verhörszenen rollt der Regisseur und Drehbuchautor Lars Becker in seiner dreizehnten „Nachtschicht“ auf, was zunächst wie „Der letzte Job“ (so der Titel) von Lisa Brenner aussieht. Wie aktuell und drängend die Themen des Films, den Becker Anfang 2015 drehte, noch würden, konnte er kaum ahnen. Es geht um Flüchtlinge, um Gewalt gegen Frauen, Ohnmacht und das Gefühl, niemand sage mehr die Wahrheit und es entstünden rechtsfreie Räume. Es geht um Schuldgefühle, Gutwilligkeit und den Zynismus einer Flüchtlingshelferin, die im Grunde nur das Beste will. Die kürzlich verstorbene Schauspielerin Maja Maranow glänzt in der Rolle dieser doppelbödigen Figur, deren fragile Fassade Härte verbirgt. Es war die letzte Arbeit der Schauspielerin vor ihrem Tod.

          Verhör im Asylbewerberheim: Kommissarin Lisa Brenner (l., Barbara Auer) will von Odile Bakri (Pegah Ferydoni) wissen, wie sie nach Deutschland gekommen ist.

          Der Rest des Films gehört Lisa Brenners einsamem Kampf. Ihr Team tritt in den Hintergrund, einzig Erichsen (Armin Rohde) darf sich als treuester Unterstützer seiner Kollegin starkmachen, als echter Freund und vielleicht sogar als mehr. Aber die „Nachtschicht“ wäre nicht die „Nachtschicht“ - selbst wenn sie dieses Mal vor allem tagsüber spielt und einen größeren zeitlichen Bogen spannt als sonst -, machte sie daraus mehr als eine Andeutung. Stattdessen marschiert sie gewohnt geradlinig in den Fall hinein, und die Charaktere sind so schräg, beinahe liebenswürdig und brutal, wie wir sie aus Lars Beckers Filmen kennen.

          Der Zuschauer ist einen Schritt voraus

          Auf einer Landstraße nahe der deutsch-polnischen Grenze wird ein Polizist erschossen, nachdem er einen Kleinlaster wegen überhöhter Geschwindigkeit angehalten hat. Die Fracht: geflohene Frauen und Kinder aus Syrien. Wir sind dabei, als die verwitwete Syrerin Odile (Pegah Ferydoni) ihrer kleinen Tochter die Augen zuhält und der österreichische Schleuser (Robert Palfrader) den tödlichen Schuss abfeuert. Wir sehen auch, wie Odile, in deren Blicken der Horror des Krieges flackert, sich dem Mann vorstellt, der sie über einen Menschenhändlerring „bestellt“ hat. Sahin Eryilmaz muss als türkischer Wäschereibesitzer nicht viel von der Skrupellosigkeit ausstrahlen, die er als Til Schweigers Widersacher im „Tatort“ verkörpert hat, um klarzumachen, dass Odile bei ihm Schreckliches droht. Was – auch das fängt die Kamera (Andreas Zickgraf) ruhig und schonungslos ein. Der Zuschauer ist der Polizei stets einen Schritt voraus.

          Der Mord an einem Kollegen geht den Ermittlern nahe, v.l.n.r.: Yannick Kruse (Christoph Letkowski), Mimi Hu (Minh-Khai Phan-Thi) und Erich Bo Erichsen (Armin Rohde)

          Immer zu spät zu kommen ist es ja auch, was Lisa Brenner an den Rand des Zusammenbruchs bringt. Sie sucht Abkürzungen, beschafft sich illegale Beweismittel – ein Bierglas mit Fingerabdrücken da, Schuhe mit Erde vom Tatort dort –, riskiert die Suspendierung, macht trotzdem weiter, die Waffe im Anschlag. Erichsen geht die Sache ruhiger an und stattet dem Menschenhändler als vermeintlich Heiratswilliger einen Besuch ab. Was für einen der nicht seltenen Momente skurriler Komik sorgt.

          Wie alles sich doch noch zu allem fügt, bis sich das familiär wirkende Ensemble erst zum Showdown, dann zum Kindergeburtstag trifft, hat mit Logik und Glaubwürdigkeit nicht mehr viel zu tun. Aber die Logik dieser wie immer bestens gespielten und inszenierten „Nachtschicht“ mit ungewohnt pastoralem Schlusswort liegt auf einer anderen Ebene: Die Figuren wirken in sich schlüssig bei ihrem Bemühen, Mensch zu bleiben. Obwohl kein Mensch die Welt aufräumen kann.

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