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„Deckname Pirat“ im ZDF : Der Vater, der aus der Stasi-Akte kam

  • -Aktualisiert am

Blickt zurück: Eric Asch macht sich mit der Kamera auf den Weg, um die Wahrheit über seinen Vater herauszufinden. Bild: ZDF und Bastian Fischer

Spurensuche mit altem Filmmaterial: Filmemacher Eric Asch will herausfinden, ob sein Vater ein Spion war – und begibt sich auf eine aberwitzig-ernste Reise.

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          Die Stasi-Akte von Robert Morton Asch umfasst fast dreitausend Seiten: Observierungen, gehässige Charaktereinschätzungen, Lagepläne, Minutenprotokolle von Treffen. Die Aufzeichnungen beginnen in den fünfziger Jahren. 1986 wird „Bob“ Aschs Akte geschlossen. Ein in den Augen des Überwachungsapparats verdienstvoller Informant, IM Doktor genannt, erhält zum Abschluss eine „Auszeichnung mit Sachprämie (Handgelenktasche)“. So steht es schwarz auf weiß da. Als Asch die Berichte aus seinem Leben schließlich nach der Wende in der entsprechenden Behörde lesen und kopieren darf, soll er lauthals gelacht haben, so laut, dass er wegen unziemlichen Unernstes zum Gespräch gebeten wurde. Offenbar hielt er alles für einen gigantischen Scherz, für einen „practical joke“. Oder war er, der Universitätslehrer aus Boston und Tübingen mit einem offensichtlichen Faible für die DDR, ein noch viel größerer Meister der Tarnung, als seine Familie es je vermutet hatte?

          „Deckname Pirat“ dokumentiert die fast wahnwitzig anmutende Reise des Filmemachers Eric Asch in die unbekannte Vergangenheit seines Vaters. Man könnte den Film über weite Strecken auch für eine Mockumentary halten, so unterhaltsam ist er inszeniert. Dass Asch in seiner streng persönlichen Annäherung es mit den puristischen Schulen der Dokumentation und der veristischen Fiktion von Objektivität nicht hält, ist unschwer auszumachen. Denn „Deckname Pirat“ ist im Ernst viel zu verspielt. Mit Aschs Frage: „War mein Vater in Wirklichkeit ein Spion und sein bürgerliches Leben eine ganz und gar hausgemachte Geschichte?“, verbindet er eine Strategie der Mehrdeutigkeit in Bildern (Kamera: Daniel Schönauer und Tobias Tempe), im Schnitt (Asch und Benjamin Kaubisch) und in seinem selbstgesprochenen Kommentar.

          So verführerisch wie James Bond

          Asch will einen Film über seinen Vater drehen, der seit zehn Jahren tot ist. Spurensuche mit altem Filmmaterial von 1994: Für den Studentenaustausch mit der Bostoner Tufts-Universität preist Bob Asch neben einem Ortsschild von Tübingen die Stadt ihren Besuchern an. Der Mann hat den Schalk im Nacken – und mehrere hundert fotokopierte Seiten der Stasi-Unterlagenbehörde im Keller seines Hauses, gelagert in einer sauberen Bio-Mülltonne, in der sie seine Mutter, eine offenbar ebenfalls humorige Person, eines Tages findet. Bio-Mülltonne wie Biographie, geht dem Sohn auf. Das hätte ihn gleich stutzig machen müssen. Wie so vieles. Warum nur trug seine Mutter irgendwann vor der Hochzeit plötzlich eine blonde Langhaarperücke und ließ der Vater sich einen Vollbart stehen? „We went into disguise“, wir haben uns versteckt, sagt die Mutter und lacht. Warum führte die Hochzeitsreise ausgerechnet in die Agentenhochburg Wien, nach Prag und zu den ehemaligen KZs Theresienstadt und Buchenwald? In Weimar beginnt der operative Vorgang. Asch, so der IM Ober, sei ungewöhnlich interessiert an Kontakt zu DDR-Bürgern gewesen.

          Bemerkenswert witzig sind die Animationen in der Manier eines James-Bond-Filmvorspanns, die den Vater mit Schlapphut und Trenchcoat beim Spionieren imaginieren. Immer wieder aber macht Asch junior aus dem Spaß Ernst. Tatsächlich hat sein Vater am militärischen Spracheninstitut in Monterey, Kalifornien, eine Ausbildung zum Kryptologen durchlaufen, bevor er, in Berlin-Tempelhof stationiert, Abgehörtes für den Geheimdienst übersetzte und in seiner Freizeit Ost-Berlin auch in erotischer Hinsicht unsicher machte. Asch senior, so viel scheint in den Lebensbeschreibungen von Weggefährten auf, die der Sohn aufsucht, war ein charmanter Mensch und genauer Beobachter. Eine schillernde, zur Freundschaft begabte Figur, die Vergnügen darin fand, misstrauische Personen zu becircen. Ein geborener Verführer. Beste Voraussetzungen für einen Spion. Aber war er auch einer?

          „Deckname Pirat“ ist mächtig unterhaltsam, gerade wegen der Verwandtschaft (im doppelten Wortsinn) von Vater und Sohn. Eine Dokumentarfilm-Wundertüte, in der aus Verunsicherung Vergnügen wird und nebenbei auch der Irrsinn der Stasi-Überwachung in seiner ganzen Absurdität aufscheint. Als Eric Asch die Beschreibung der Erscheinung seines Vaters in die Kamera liest, sieht man einen Doppelgänger im Bild. Denn auch dieser Film ist ein bewusstes Produkt der Verführung, eine faktengrundierte Biographie voller Doppelbödigkeit aus der Phantasie eines verschmitzten Sohnes. „Und, war Daddy ein Spion?“, fragt Asch seine Mutter in der letzten Einstellung des Films. Sie lacht, auf eine Weise, dass man alles für möglich halten kann.

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