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TV-Film „Kalt ist die Angst“ : Bildet sie sich den Horror nur ein?

  • -Aktualisiert am

Wurde ihr Mann Opfer einer Verschwörung? Claire (Caroline Peters) weiß nicht, wem sie trauen kann. Bild: ARD Degeto/Jacqueline Krause-Bur

Ihr Mann sei tot, hört Claire Heller am Telefon. Woran starb er, und was hat er eigentlich gemacht? In „Kalt ist die Angst“ hat die Witwe des Managers keine Gewissheit mehr. Die ARD zeigt einen echten Thriller.

          Kaum aus Äthiopien zurück, wo David Heller (Hans-Werner Meyer) als Manager in einem Entwicklungshilfeunternehmen Landmaschinenprojekte leitet, muss er wieder abreisen. Nach Berlin, zu einem wichtigen Meeting. Zunächst aber zu einer Konferenz seiner Firma IOAD, Tochter des Konzerns Vivasanto. Kurz darauf der Anruf. David Heller ist tot, ein geplatztes Aneurysma. Fürsorglich kümmert sich sein Vorgesetzter Peter Hagedorn (Rudolf Kowalski) um die Witwe. „Wish you were here“ von Pink Floyd bei der Trauerfeier, Urnenbeisetzung, Irritationen. War der Verstorbene einer von den Guten, der Menschen in Afrika beibringen wollte, wie man das Land ertragreich bestellt, oder war er ein Mensch mit Doppelleben, regelmäßigem Umgang mit Prostituierten und skrupelloser Ausbeuter? Umstandslos geht es in dem Psychothriller „Kalt ist die Angst“ von Martin Douven (Buch) und Berno Kürten (Regie) zur Sache.

          Akzeptiert man die Prämisse, dass bei einem höchst verdächtigen Todesfall keine Polizei hinzugezogen wird, sondern bloß der Betriebsarzt, entwickelt der Film mit seinem Handlungslabyrinth, Sackgassen und Kehrtwendungen eine ansprechende Dynamik. „Kalt ist die Angst“ ist zudem ein gelungenes Spiel mit Rätseln der bildlichen Wahrnehmung und wiederkehrenden Wahnvorstellungen. Auf einer Ebene folgt der Film den Regeln der Psychothriller-Gattung: Der Gute, der so gut womöglich nicht war, sein väterlicher Vorgesetzter und Freund, der vielleicht eigene Interessen verfolgt, und dann noch der persönliche Assistent und Bodyguard des Toten, eine zwielichtige Figur. Man werde ihn durchleuchten, verspricht Hagedorn der trauernden Witwe. Dieser Michael (Christoph Maria Herbst) komme von einem privaten Sicherheitsdienst, der auch eine Söldnertruppe in Afrika gestellt habe. Es häufen sich merkwürdige Vorfälle. Ein Mann in brauner Lederjacke scheint Claire Heller zu verfolgen. Hellers Reisetasche ist aus dem Haus verschwunden, dann wieder da. Das Luxuscallgirl Sabina (Annika Blendl) hat ein Kind, Stella (Nika Emilia Lou Vamvakaris), das Hellers Tochter sein könnte. Die Ärztin Dr. Thalheim (Anke Sevenich) verschreibt der Witwe starke Psychopharmaka wegen ihrer gelegentlich verrückten Wahrnehmung.

          Entwicklungshelfer oder Ausbeuter? David Heller (Hans-Werner Mayer) hat seine Geheimnisse.

          Oder ist es schon Wahnsinn? Sehenswert macht den Film seine zweite, die wahrnehmungspsychologische Ebene, exemplifiziert an der Hauptfigur. Claire Heller (Caroline Peters) kann nicht nur den anderen nicht trauen, sie traut vor allem sich selbst nicht. Anstrengend und selbstbezogen, mit der eigenen, ungewollten Kinderlosigkeit befasst, sieht sie schon seit Jahren Dinge und Ereignisse, die nicht da sind. Schaukelnde Kinder auf dem leeren Spielplatz. Ihr Wahn könnte ihr vieles vorgaukeln.

          Die Ärztin erinnert sie daran, dass sie vor kurzem dachte, hochschwanger zu sein, und den Termin in der Entbindungsklinik schon fest ausgemacht hatte. Stärkere Tabletten sollen helfen. Kurz darauf folgen der Zusammenbruch und die stationäre Einweisung. Hat sie wirklich Fotos eines Massakers an afrikanischen Bauern auf einem Computer-Stick gesehen, den ihr Mann als Lebensversicherung versteckt hatte, und sich mit einem Hacker zur Entschlüsselung übriger Dokumente getroffen? Dem individuellen Kontrollverlust scheint das moderne Haus, in dem sich Claire Heller versteckt, zu entsprechen. Der mit „Smarthome“-Raffinessen ausgestattete Bungalow erleichtert ihr lebensnotwendige Entscheidungen. Oder bevormundet sie. Auch das Haus hat anscheinend seine Taktik.

          Vertrauen gegen Vertrauen – dass der Wahnsinn in diesem Film Methode bekommt, versichern vor allem die betont nüchtern gefilmten Bilder der Kamera von Klaus Eichhammer und der dynamische Schnitt von Melania Singer, die beide Gewissheiten des Sehens nach Belieben manipulieren. Die Entwicklungshilfeverbrechen-Story, die am Ende enthüllt wird, mag vergleichsweise dünn sein, Kraft und die nötige Verunsicherungsenergie erhält „Kalt ist die Angst“ vor allem durch Caroline Peters, die der Frau mitten im Wahnsinnskomplott zahlreiche Varianten des Zweifelns mitgibt.

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