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TV-Kritik: Donnerstalk : Vor lauter Gegenwart besser nicht den Verstand verlieren

  • -Aktualisiert am

Dunja Hayali moderiert den „Donnerstalk“ im ZDF Bild: dpa

Rasend schnell geht Dunja Hayalis „Donnerstalk“ über die Bühne. Wichtige Fragen über den Terror in Deutschland und den Putschversuch in der Türkei werden dabei vergessen.

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          Den Auftakt von Dunja Hayalis „Donnerstalk“ macht eine Reportage aus München. Sechs Tage nach dem Amoklauf von Ali David S. läuft Frau Hayali durch München und sammelt O-Töne. Misst das Echo die tatsächliche Stimmung da draußen? Oder laden suggestive Fragen dazu ein, Blödsinn zu äußern? Die Nachrichtenlage zwang die Redaktion, mehrmals ihren Themenplan über den Haufen zu werfen. Dass der Schrecken gleich mehrmals frei Haus geliefert wird, spricht nicht dafür, ihn noch mal aufzuwärmen.

          Die Sicherheitskräfte haben von vielen Übungen profitiert. Das war in München zu beobachten. 2300 Beamte gegen einen rechtsradikalen Amokläufer: Das bezeugt eine beachtliche Mobilisierungsstärke. Was hat sie gebracht? Warum kam es in der Innenstadt nach ersten Warnungen zu Massenpanik? Die Analyse vieler Details scheint zweckdienlicher als die Bekanntgabe eines Neunpunkteplans. Solche Punktepläne simulieren politische Tatkraft und gehören zum eisernen Repertoire, unabhängig davon, wie sinnvoll sie sind.

          Der hohe Wert der Nüchternheit

          Die O-Töne aus München sind kaum auszuhalten. „Nichts ist, wie es einmal war.“ Man würde gerne nachfragen: Wie schön war es denn im Sommer 1972? Oder beim Attentat auf das Oktoberfest? Der Philosoph Ernst Bloch sagte zu solchen Lagen gerne, dass das Bürgertum vor lauter Gegenwart den Verstand verliere. Auch das ist nichts Neues. Wie wertvoll wirkt in einer solchen Situation politische Nüchternheit?

          Auch im Klinikum Rechts der Isar ist man in München auf Großkatastrophen offenkundig gut vorbereitet. Tatsächlich kam es nicht zu so vielen Opfern, wie die Ärzte anfangs fürchteten, nachdem das Gerücht die Runde gemacht hatte, dass es zum Einsatz eines Maschinengewehrs gekommen sei.

          Schockweise Binsen

          Das feine Social-Media-Team der Münchener Polizei wirkt so aufgeräumt, wie man es sich seit vergangenem Freitag vorstellen konnte. Nur darf man bei der Gelegenheit daran erinnern, dass faktenbasierte Informationen zu den Selbstverständlichkeiten gehören. Schön, dass es sie gibt! Solche Binsen sind an diesem Abend schockweise im Angebot. Auch dramatische Piano-Arpeggios leisten ihren Beitrag zur Stimmung.

          Wie ernst die aufgebrachten Volksstimmen zu nehmen sind, kann man sich denken, wenn man vernimmt, dass der Amokläufer auf den elektrischen Stuhl gehört. Will dieser patente Bürger eine Leiche unter Strom setzen? Gibt es einen Vorhalt der Moderatorin gegen den Unsinn? Leider nein.

          Man fragt sich, wie sinnvoll die polizeiliche Fiktion klingt, dass es sich bei Ali David S. um einen Einzeltäter handele. Was setzt seinen Amoklauf in Gang? Warum tötete er erkennbar Menschen, die aussahen wie Migranten? Was nährte den Hass, was den Stolz auf sein Geburtsdatum, was die Faszination an Anders Breivik? Wenn man diese Fragen eines Tages beantwortet hat, wird ein gesellschaftliches Klima sichtbar, das diesen Einzeltäter gefährlich zu machen half. Denn die psychiatrische Behandlung hat ihn nicht davor bewahrt, sich ein wahnhaftes Bild von dieser Welt zu machen. Dabei waren Stimmungsmacher behilflich, die nicht in der Apotheke zu beziehen sind.

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