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TV-Kritik: Dunja Hayali : Wie Erdogan noch zu stoppen ist

  • -Aktualisiert am

Die ZDF-Fernsehjournalistin Dunja Hayali Bild: dpa

Sanktionen werden den türkischen Staatschef einlenken lassen, sagt SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann bei Dunja Hayali. Doch der ehemalige „Cumhuryiet“-Chefredakteur Can Dündar warnt vor der Gegenreaktion.

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          Die Journalistin Mesale Tolu ist seit Anfang Mai dieses Jahres im Istanbuler Frauengefängnis Bakirköy, teilt dort eine Zelle mit 23 weiteren Frauen. Bei ihr ist ihr zweieinhalbjähriger Sohn, der sich beim Morgenappell als „Gefangener 25“ vorstellt. Frau Tolu ist deutsche Staatsangehörige. Was ihr vorgeworfen wird, wissen noch nicht einmal ihre Anwälte. Erst Ende August oder im September kommt es zu einem ersten Gerichtstermin. Ihr Vater kann sie einmal in der Woche im Gefängnis besuchen. In Neu-Ulm protestiert der Stadtrat. Das deutsche Konsulat zeigt sich engagiert.

          Frau Tolu ist nicht die einzige inhaftierte deutsche Staatsbürgerin. 22 Deutsche wurden seit dem Putschversuch inhaftiert, darunter auch seit 148 Tagen der Journalist Deniz Yücel, der vor drei Tagen seiner Redaktion einen Brief aus dem Gefängnis geschrieben hat.

          Es sieht so aus, als seien die eingesperrten Journalisten und Menschenrechtler Geiseln des türkischen Präsidenten, der sie freigäbe, wenn die Bundesregierung im Gegenzug türkische Offiziere auslieferte, die nach dem gescheiterten Putsch in Deutschland Asyl beantragt haben. Was für eine abwegige Idee! Sie illustriert den verhängnisvollen Kurs der Türkei zu einem autokratischen System. Frau Tolus Bruder meint, die Bundesregierung hätte schon sehr viel früher einen schärferen Kurs gegenüber der Türkei einschlagen sollen.

          Weg in Richtung Polizeistaat

          Im Studio ist an diesem Abend der SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas Oppermann. Er sieht die Türkei auf dem Weg in einen Polizeistaat. Fatal findet er den Versuch, mit der Festnahme des deutschen Menschenrechtlers Peter Steudtner den Druck auf Deutschland zu erhöhen. Er verteidigt den Kurswechsel der Bundesregierung und setzt darauf, dass internationaler Druck Erdogan zu Korrekturen bewegen werde. Ein Abbruch der diplomatischen Beziehungen komme aber nicht in Betracht. Die Androhung von Sanktionen habe Wirkung gezeigt.

          Can Dündar, der frühere Chefredakteur der türkischen Tageszeitung „Cumhuriyet“ , sieht das anders. Erdogan sei weiter Spielmacher. Seine Politik lebe davon, politische Spannungen aufzubauen. Kompromisse passten nicht in sein Konzept. Welche Folgen hat Erdogans Politik für das innenpolitische Klima in Deutschland? Seine hiesigen Anhänger kann er auch für abwegige Ziele mobilisieren.

          Oppermann setzt dagegen auf internationalen Druck. Zwei Drittel der Direktinvestitionen in der Türkei kommen aus der Europäischen Union. Wirtschaftspolitisch sei die Türkei darauf angewiesen. Weitere Daumenschrauben seien Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes. Die Türkeibuchungen sind seit dem Putsch deutlich eingebrochen. Billigangebote, die mit einem Platz in einem türkischen Gefängnis enden könnten, können den Einbruch gewiss nicht ausgleichen.

          Can Dündar warnt vor den Folgen politischer Sanktionen für die einfachen Leute in der Türkei. Der Marsch der Hunderttausend von Ankara nach Istanbul bezeuge, dass die Opposition gegen Erdogan an Boden gewinne. Die Hälfte der Türkei leiste Widerstand.

          Weiteres Thema der Sendung: Demenz

          Dunja Hayali besucht den Sonnengarten im Münchener Pflegezentrum Sendling, redet mit Bewohnern und Pflegekräften. Seltsame Ideen hat sie, wie der Weg in eine Demenz etwa durch Kreuzworträtsel oder Sudoku zu verhindern, zu verlangsamen oder aufzuhalten sei. Dass einer Demenz, schon lange, bevor die Diagnose gestellt wird, Auffälligkeiten vorausgehen, ist eine wichtige Einsicht, auf die der Schweizer Pflegeexperte Michael Schmieder hinweist. Es sei nicht das nachlassende Gedächtnis, sondern es gebe eher diskrete Veränderungen im Verhalten, wie etwa ein plötzlich auftretender anderer Umgang mit Normen oder emotionale Konflikte. In ihnen entlädt sich die Angst eines Betroffenen vor der Veränderung, die er an sich selbst bemerkt. Die beste Prävention gegen Demenz sei ein früher Tod, sagt Schmieder sarkastisch. Deshalb richte sich ein wichtiger Teil des pflegerischen Angebots an die Angehörigen, die sich Vorwürfe machten, wenn sie ihre Mütter oder Väter ins Heim bringen. Sie sehen nur das gebrochene Versprechen und übersehen, dass sie weiter für ihre Angehörigen da seien.

          Im Heim kommt es nur relativ selten zu Situationen persönlicher Überforderung, die im trauten Umfeld der bisherigen Wohnung Patienten und Angehörige gegeneinander aufbringen und in Verzweiflung stürzen. Die Idee, Entlastung durch Pflegekräfte aus Osteuropa zu suchen, verkennt das Risiko, dass es auch bei ihnen infolge von Überforderungen zu Übergriffen kommen kann. In einem Pflegeheim passen die Pflegekräfte aufeinander auf, dass es nicht zu solchen Situationen kommt.

          Der Schlagersänger Patrick Lindner ist dem Sonnengarten dankbar für die gute Pflege seiner Mutter. Anfangs habe er ihre beginnende Demenz nicht wahrhaben wollen. Sie habe erstaunlich gut verbergen können, wie es um sie bestellt war. Michael Schmieder betrachtet das Versprechen, einen nahen Angehörigen nicht ins Heim zu bringen, als Irrtum. Tatsächlich gehe es darum, die Angehörigen nicht zu verlassen, wozu auch gehört, sich selbst in der Verantwortung nicht verlassen zu fühlen. In der Architektur von Pflegeheimen setzt Schmieder auf großzügigen Raum. Das sei nicht Luxus, sondern die Einsicht, dass die Unterbringung in kleinteiligen Heimen nicht so gut funktioniere.

          Thema Fleischkonsum

          Zum Schluss kommt ein saisonales Thema in Hayalis bunten Kessel: das Grillfleisch und die Frage, ob man das Schwein, aus dessen Schulter Würste hergestellt werden, auch bei seinem Namen kennen muss. Das Fleisch von Tieren unbekannten Namens ist billiger. Aber nachdem der Züchter die neun Monate alte ziemlich große Biosau auf der Schweinewiese mit der Farbpistole markiert hat, nimmt ihr Schicksal seinen Lauf. Auf dem Weg zum Schlachter erhält sie den Namen Berta, der Hayalis Kollege Jochen Schropp nachruft, sie habe phantastisch geschmeckt.

          Köchin Sarah Wiener findet es zweifelhaft, dass ein Huhn aus der Massenhaltung weniger als eine Kinokarte in Berlin-Mitte kostet. Das Fleisch, das sie auf ihrem Biohof in der Uckermark produziert, dürfte deutlich mehr kosten als die Kinokarte. Wiener bezeugt und plädiert für Respekt vor den Lebewesen, die man isst. Das Nichthinschauen- und das Nichtwissenwollen, wo das Fleisch  herkomme, erspare sich den Blick auf bestialische Grausamkeiten hinter den Mauern der Fleischfabriken.

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