https://www.faz.net/-gsb-90dup

TV-Kritik: Dunja Hayali : Dieselgipfel und Dieselknappheit

  • -Aktualisiert am

Ob der Gipfel in Berlin oder der Bundeswehreinsatz in Mali: Der Diesel hat auch die Sendung von Dunja Hayali fest im Griff. Bild: ZDF/Svea Pietschmann

Berlin, Mali und wieder zurück – so bringt Dunja Hayali mit ihrer gestrigen Sendung den Zynismus jener so häufig beschworenen Weltgesellschaft zum Ausdruck, wo Mali und Stuttgart tatsächlich in verschiedenen Galaxien liegen müssen.

          5 Min.

          Der Pick-up als Automobil mit offener Ladefläche ist schon seit Jahrzehnten das wichtigste Werkzeug in den Händen irregulärer Milizen. Damit können diese nicht nur schnell ihre Truppen bewegen, sondern verfügen nach der Installation schwerer Maschinengewehre zugleich über ein hoch wirksames Waffensystem. Ein Exportverbot solcher Fahrzeuge wäre sicherlich geeignet, um den militärischen Handlungsspielraum solcher Milizen einzuschränken. Mobilität war schon immer eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine effektive Kriegführung.

          Bekanntlich plant niemand ein solches Ausfuhrverbot. Oder denkt etwa daran, die von den Milizen genutzten Fahrzeuge wegen eines Verstoßes gegen die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation über Grenzwerte bei Autoabgasen stillzulegen. In Mali etwa gibt es keinen Verwaltungsrichter mit der entsprechenden Autorität, um das durchzusetzen. Wahrscheinlich denkt in der Hauptstadt Bamako noch nicht einmal jemand über dieses Problem nach. Sie haben dort schließlich andere Sorgen, die aber durchaus etwas mit dem Mobilitätsbedürfnissen der dortigen islamistischen Milizen zu tun haben.

          Zynismus in der Weltgesellschaft

          Selbstredend hört sich eine solche Gegenüberstellung etwas schräg an. Es ist allerdings die Schlussfolgerung aus der Sendung von Dunja Hayali. Sie beschäftigte sich mit beiden Themen: Dem Dieselskandal und dem Bundeswehreinsatz in Mali, der erst vor wenigen Tagen den Unfalltod zweier Hubschrauberpiloten der Bundeswehr zur Folge hatte. So diskutierte Hayali zuerst über die Frage, ob die Mobilitätsbedürfnisse einer modernen Industriegesellschaft wegen der damit verbundenen Gesundheitsrisiken notfalls eingeschränkt werden müssen. Um wenig später über den Krieg in Mali zu reden, wo man zur Feststellung der Zahl „vorzeitiger Todesfälle“ immerhin keine komplexen statistischen Berechnungen anstellen muss. Die Kausalität zwischen Ursache und Wirkung für den Tod von Menschen ist in solchen Kriegen vergleichsweise einfach festzustellen.

          Auf diese Weise brachte Hayali unbeabsichtigt den Zynismus jener so häufig beschworenen Weltgesellschaft zum Ausdruck, wo Mali und Stuttgart tatsächlich in verschiedenen Galaxien liegen müssen. So stellte die Gastgeberin einen pensionierten Lehrer aus Stuttgart in seiner Rolle als Umweltaktivisten vor, der seit dem Jahr 2005 als „Feinstaubjäger“ aktiv ist. Oder einen Handwerksmeister, der sich um mögliche Fahrverbote für seine Dieselfahrzeuge sorgt. Ein Autohändler aus Mönchengladbach beschrieb dagegen den dramatischen Preisverfall der von ihm angebotenen Jahreswagen deutscher Premiumhersteller mit Dieselmotorisierung. Diese Gäste „aus dem Volk“, so nannte sie Hayali, waren durchaus geeignet um den Widerspruch zwischen ökologischen und ökonomischen Präferenzen in dieser Debatte zu dokumentieren. Ein pensionierter Lehrer muss sich um sein Einkommen im Falle von Fahrverboten für Dieselfahrzeuge keine Sorgen machen, während Autohändler und Handwerksmeister solche Konsequenzen befürchten müssen.

          Das Sein bestimmt also immer noch das Bewusstsein, was nicht zuletzt auch das Auftreten der Autohersteller beim Berliner Dieselgipfel deutlich machte. Diese halten ihr etabliertes Geschäftsmodell mit Verbrennungsmotoren weiterhin für werthaltiger als die abstrakte Hoffnung auf die Segnungen der Elektromobilität. Da wirkte es fast schon als Realsatire, wenn Frau Hayali in ihrer Reportage über den Bundeswehreinsatz in Mali ausgerechnet über den fehlenden Diesel zum Betrieb von Klimaanlagen in den Unterkünften der Soldaten berichtete.

          Ob das zur Nachhaltigkeitsstrategie von Bundesverteidigungsministerin Ursula von Leyen (CDU) gehört, um die Feinstaub- und Stickoxidbelastung in Mali zu reduzieren, ist allerdings zu bezweifeln. Eher firmierte Hayali als Stichwortgeberin, um die Öffentlichkeit von der unzureichenden Finanzausstattung der Bundeswehr zu überzeugen. Ministerin von der Leyen hätte dazu sicherlich etwas zu sagen gewusst, weil sie das schon seit Jahren sagt. Sie fehlte allerdings aus Krankheitsgründen, um besagte Stichworte für sich zu nutzen. So hätte sie zum Beispiel auf die unzureichenden Transportkapazitäten der Bundeswehr hinweisen können, die eine Erhöhung ihres Etats unvermeidlich machen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Notstand ausgerufen : In Venedig wächst die Wut

          Mehr als 80 Prozent der Stadt stehen zwischenzeitlich unter Wasser, die Bewohner sind entsetzt – und sauer auf die Politik: Diese gibt zwar jetzt Millionen Soforthilfe, habe beim Hochwasserschutz aber komplett versagt und stattdessen rücksichtslos den Tourismus gefördert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.