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Dokumentation über Nagasaki : Erinnerungen lassen sich nicht auslöschen

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Am Vormittag des 9. August 1945 fiel die Plutoniumbombe „Fat Man“ auf Nagasaki. Die japanische Stadt wurde binnen Sekunden ausgelöscht. Die Dokumentation „Nagasaki. Warum fiel die zweite Bombe?“ stellt die Frage nach der Schuld.

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          „Erinnere dich, Welt, an uns Atombombenopfer“, singt der Chor der Überlebenden in Nagasaki, und der für seine aufwendigen Reisereportagen bekannte Filmemacher Klaus Scherer, der sich als ehemaliger Japan-Korrespondent der ARD bestens im Land der aufgehenden Sonne auskennt, nimmt diesen Ruf auf. Er erinnert an das unvorstellbare Leid in einer Stadt, die vor siebzig Jahren binnen Sekunden ausgelöscht wurde. Das halbe Zentrum verglühte nach der Explosion der Plutoniumbombe „Fat Man“, die ein amerikanischer Bomber am Vormittag des 9. August 1945 auf das Ausweichziel Nagasaki – die eigentlich anvisierte Stadt Kokura lag unter einer dichten Wolkendecke – abwarf, obwohl spätestens nach dem Atombombenangriff auf Hiroshima drei Tage zuvor kein ernsthafter Widerstand der Japaner mehr zu erwarten war. Von Zehntausenden Zivilisten blieben oft nur Schatten am Boden.

          Für die nicht verglühte Hälfte der Stadt begann der Horror erst. Die letzten lebenden Zeugen beschwören ihn hier noch einmal in wenigen Worten herauf: Kleine Kinder waren sie damals und fanden ihre Mütter, die es nicht in einen Schutzraum geschafft hatten, als Aschehaufen wieder. Dann wurden sie selbst zu Ausgestoßenen, weil ihnen die Haare ausfielen und Blut aus der Nase lief. Viele starben an den Folgen der Verstrahlung, viele weitere warfen sich vor den Zug. Erschreckend ist, wie ungerührt und beinahe stolz das letzte lebende Crewmitglied der amerikanischen Bomberbesatzung über den Angriff spricht.

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          Waren die Bombenabwürfe gigantische Menschenversuche?

          Es war nicht zu erwarten, dass Scherer etwas grundsätzlich Neues über die gut erforschten letzten Tage des Pazifikkriegs herausfinden würde. Es ist bekannt, dass der amerikanische Präsident Harry S. Truman mehrere Alternativen ausschlug, den Krieg gegen Japan ohne Atombomben zu beenden. Truman hatte auf der Potsdamer Konferenz zunächst geplant, wiederum ein Bündnis mit Stalin einzugehen, was die Japaner augenblicklich hätte kapitulieren lassen. Als Stalin auf das Ansinnen eingehen wollte, hielt Truman ihn jedoch auf Abstand, denn in der Zwischenzeit hatte in der Wüste von New Mexico der „Trinity“-Test stattgefunden, die erste Kernwaffenexplosion überhaupt. Die Wissenschaftler und Militärs des „Manhattan Project“ waren begeistert: „Was nun zählt, ist der Test auf dem Schlachtfeld“, schrieb General Leslie Groves an Truman.

          Überlebender aus Nagasaki: Michiaki Ikeda

          Waren die Abwürfe auf Hiroshima und Nagasaki also gigantische Menschenversuche? Das haben nicht nur viele Überlebende immer wieder behauptet. Für diese These spricht der Bomber-Begleittross aus Flugzeugen voller Messinstrumente sowie die Einrichtung einer amerikanischen Kommission, die nach der Kapitulation Japans die Strahlenkranken peinlich genau untersuchte, aber nicht behandelte. Für den Washingtoner Historiker Peter Kuznik handelte es sich bei den Abwürfen eindeutig um Waffentests, was auch den Einsatz der zweiten Bombe erkläre: Amerika habe schlicht über zwei Atombombentypen verfügt, deren Wirkungen verglichen werden sollten. Hätte es neben der Uranbombe von Hiroshima und der Plutoniumbombe von Nagasaki noch ein Thorium-Modell gegeben, sagt Kuznik, wäre wohl noch eine dritte Stadt vernichtet worden.

          In der Dokumentation gelingt Scherer ein Coup

          Sicherlich war es für Truman auch ein verführerischer Gedanke, den Pazifikkrieg ohne sowjetischen Beistand zu gewinnen. Allerdings, so sagt es der Oppenheimer-Biograph Martin Sherwin, hätte allein die Zerstörung zweier Städte Japan niemals zur Aufgabe bewogen, schließlich seien schon achtundsechzig weitere Städte ausradiert worden, ohne dass die Japaner eingelenkt hätten. Erst der Kriegseintritt der Sowjetunion unter Bruch des Neutralitätsabkommens sei der entscheidende Schlag gewesen. Amerika, ergänzt der japanische Historiker Tsuyoshi Hasegawa, habe sogar alles getan, eine frühere Kapitulation Japans zu erschweren – weil man die Bomben unbedingt habe einsetzen wollen.

          Hier gelingt Scherer ein Coup: Er hat Ausschnitte amerikanischer Wochenschauen aufgetrieben, die hellhörig machen. Betont der Sprecher in einer Ausgabe von 1946, die beiden Atombomben hätten den entscheidenden Beitrag zur Überwältigung Japans geleistet – die bis heute kursierende Version dieser sowohl in Amerika (als Legitimierung) als auch in Japan (als Abmilderung der Niederlage) willkommene Legende –, so verplappert sich ein Sprecher in einer Ausgabe aus dem Jahr 1945 geradezu: Es bestehe kein Zweifel, heißt es im Brustton der Überzeugung, dass Japan schon vor der Atombombe vollkommen geschlagen gewesen sei („thoroughly beaten“).

          Dem routinierten Dokumentarfilmer gelingt es, all dies neben Einblicken in viele Einzelschicksale in einer konzentrierten, aber nie gedrängten Dreiviertelstunde unterzubringen. Dass er die Schuldfrage so eindeutig zu Lasten der Vereinigten Staaten beantwortet, ist legitim. Schließlich stützt sich Scherer auf die Urteile von Experten aus Japan und Amerika. Es sind die Atombombenopfer, die daran erinnern, welche Verantwortung auch die ehemalige japanische Führung an dem Inferno vom August 1945 trägt. Ihr gesungenes Fazit hat mit Schuldzuweisung jedoch nichts zu tun. Es lautet so einfach wie ergreifend: „Bitte, Welt, lass so etwas nie mehr geschehen.“

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