https://www.faz.net/-gsb-8gu27

TV-Kritik: Anne Will : Wie halten wir es mit dieser Religion?

Auf Angriff gepolt: die AfD-Vorsitzende Frauke Petry in der Sendung „Anne Will“ Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Integration per Gesetz verordnen oder der Zuwanderung ihren Lauf lassen: Das ist bei „Anne Will“ die Frage. Spannend wird es, als es um den Islam geht - und Frauke Petry nicht mehr weiter weiß.

          4 Min.

          Der Dichter stellte die Frage schon vor mehr als zweihundert Jahren. Sie ist zur Frage aller Fragen in der Integrationsdebatte geworden, an der sich mitentscheidet, ob die Zuwanderungspolitik der Bundesregierung gelingt. Es ist die Gretchenfrage: „Nun sag, wie hast du`s mit der Religion?“

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Sie traf Goethes Faust, bei dem es um das Christentum ging, an seinem wunden Punkt. Und sie markiert mit Blick auf eine andere Weltreligion den wunden Punkt der aktuellen Lage, weil die einen die Frage gar nicht hören wollen und meinen, sie zu stellen, schüre schon Vorurteile. Während andere, wie die AfD, so tun, als sei sie längst beantwortet: Diese Religion, der Islam, gehöre, anders als der frühere Bundespräsident Christian Wulff meint, nicht zu Deutschland.

          Zwischen diesen Polen hat sich die Debatte hochgeschaukelt und immer wieder erschöpft, weil derlei Haltungen eine fruchtbare Auseinandersetzung über das Thema unmöglich machen, die nämlich erst beginnen kann, wenn man die Realität wahrnimmt und anerkennt.

          Wer gehört dazu und wer nicht?

          Diese besteht darin, dass der Islam schon vor Jahrzehnten in der Bundesrepublik angelangt ist. Viereinhalb Millionen Menschen bekannten sich zu ihm, bevor im Laufe der vergangenen Monate mehr als eine Million Flüchtlinge hinzukamen, von denen die meisten Muslime sind. Und diese Realität besteht ebenfalls darin, dass der Islam seit geraumer Zeit als totalitäre Ideologie propagiert, zur heilsverklärenden Rechtfertigung grausamer Verbrechen und des internationalen Terrorismus benutzt und für unbestimmte Zeit die zentrale Gefahr für die freie Gesellschaft darstellen wird.

          Davon ist bei Anne Will am Sonntagabend erst nach einer halben Stunde die Rede. „Integration per Gesetz – Wer soll zu Deutschland gehören?“ ist das Thema, über das einigermaßen unergiebig gestritten wird, weil sowohl die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor als auch Dietmar Bartsch von der Linkspartei und selbstverständlich auch Frauke Petry von der AfD sich an dem Leitgedanken „Fordern und Fördern“, unter dem das neue Integrationsgesetz der Bundesregierung stehen soll, reiben, wenn auch aus ganz unterschiedlichen Gründen. Aber weil das alles von der Bundesregierung so unbestimmt formuliert ist, wie sich der Bundesinnenminister Thomas de Maizière auch hier wieder äußert, bleibt alles im Ungefähren.

          Parteitag : AfD nimmt Ablehnung von Islam ins Grundsatzprogramm auf

          Lamya Kaddor hat den Eindruck, das Integrationsgesetz, das vom Bundeskabinett in zwei Wochen verabschiedet werden soll, sei von dem falschen Gedanken getragen, die Flüchtlinge wollten sich gar nicht integrieren. Dietmar Bartsch geht die Residenzpflicht für Flüchtlinge und das ganze „Nützlichkeitsdenken“ zu weit. Frauke Petry meint, wir bräuchten kein Integrations-, sondern ein Einwanderungsgesetz und eine Reform des Asyl- und Aufenthaltsrechts. Die Bundesregierung betreibe Symptom-Politik: Sie rechne mit einem negativen Verhalten von Leuten, die zwar einwandern, sich aber nicht wie integrationswillige Einwanderer verhalten.

          Schwung bekommt die Sache erst, als der Integrationsforscher Ruud Koopmans, der darauf verweist, dass eine Einwanderungsgesellschaft sehr wohl das Recht hat, Hinzukommende in die Pflicht zu nehmen, und erwähnt, dass Muslime in den westlichen Gesellschaften zu den am wenigsten integrierten und am wenigsten erfolgreichen Gruppen zählen. Das passt Frauke Petry selbstverständlich in den Kram - und Lamya Kaddor, die nun wirklich nicht Vertreterin eines irgendwie konservativen Islams ist, selbstverständlich gar nicht. Der Befund, Religion sei ein wichtiger Faktor bei der Integration, erscheint ihr zu pauschal, Dietmar Bartsch goutiert es nicht, dass man über „die Syrer“ oder „die“ Flüchtlinge spricht. Thomas de Maizière verfällt in den ihm eigenen Abwägungsmodus: Ein extremistischer Islam gehöre nicht zu Deutschland, ein aufgeklärter selbstverständlich doch. Das klingt so, als könnten wir uns das aussuchen und hätten nicht schon längst beides im Land, den selbstverständlich aufgeklärten Islam als auch die fanatisierten Bombenleger.

          Anne Will zieht ein Umfrage-Ass aus dem Ärmel

          Aber immerhin sagt de Mazière auch, es spreche viel dafür, dass die Integration der Zuwanderer aus der Türkei und auch aus Syrien ein Leichtes sei im Vergleich zu den Gruppen aus Nordafrika, die zu uns kommen beziehungsweise auch schon da sind. Damit verweist der Innenminister nicht zum ersten Mal auf eine Facette der Merkelschen Grenzöffnungspolitik, deren Folgen sich in geballter Form in der Silvesternacht in Köln zeigten und von denen nicht anzunehmen ist, dass sie von alleine verschwinden.

          Zum guten Schluss zieht Anne Will noch ein Ass aus dem Ärmel, mit dem sie die stets auf Attacke gepolte Frauke Petry ausstechen will: Ob sie wisse, wie viele der „hochreligiösen Sunniten“ in Deutschland die Demokratie für eine gute Regierungsform halten? Weiß Frauke Petry selbstverständlich nicht. Neunzig Prozent seien es, sagt Anne Will und schiebt den Prozentsatz der „hochreligiösen Sunniten“ hinterher, die in diesem Land leben und angeblich die Homosexuellen-Ehe befürworten: 40 beziehungsweise 58 Prozent seien es.

          Wo kommen die Zahlen her?

          Angesichts eines solchen Beweises religiöser und weltanschaulicher Toleranz im Nathan-der-Weise-Format ist man, also in diesem Fall Frauke Petry, schon etwas baff: Dann haben wir ja gar kein Problem! Im nächsten Moment aber wird man doch skeptisch. Wo kommen die Zahlen her? Aus dem „Religionsmonitor. Sonderauswertung Islam“ der Bertelsmann-Stiftung, dem eine Umfrage aus dem Jahr 2012 unter 14.000 Menschen aus dreizehn Ländern und eine ergänzende Emnid-Befragung von Ende 2014 zugrunde liegt, aus deren Zusammenfassung nicht so ganz genau hervorgeht, wie viele Nicht-Muslime und Muslime befragt und wer wozu mit welcher Fragestellung genau behelligt wurde und ob das alles so repräsentativ ist, wie es klingen soll, wenn es heißt, unter den „reflektierten, hochreligiösen Sunniten“ in Deutschland seien 58 Prozent für die Homo-Ehe. Wer definiert, was „reflektiert, hochreligiös“ ist? Und warum sind die Vorbehalte bei Menschen gegen den Islam am größten, die überhaupt keinen Umgang mit Muslimen pflegen?

          Das wären brauchbare Ansätze für eine Debatte. Leider liefern sich in diesem Moment Frauke Petry und Lamya Kaddor ein kleines Lautsprecherduell, leider ist die Sendezeit nun vorbei und leider erzählt Thomas Roth schon, worum es gleich bei den „Tagesthemen“ geht: Die Griechenland-Krise ist noch immer nicht vorüber.

          Das ist die Einwanderungsdebatte selbstverständlich auch nicht. Die Gretchenfrage wird uns noch beschäftigen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Laden auf einem Parkplatz in Oslo.

          Elektroauto oder nicht? : Im Antriebsdilemma

          Taugt Norwegen für uns als Elektroauto-Vorbild? In Deutschland ist Strom abschreckend teuer. Aber auch die Abgasreinigung für Benzinmotoren kostet immer mehr.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.