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TV-Kritik: Anne Will : Wie halten wir es mit dieser Religion?

Schwung bekommt die Sache erst, als der Integrationsforscher Ruud Koopmans, der darauf verweist, dass eine Einwanderungsgesellschaft sehr wohl das Recht hat, Hinzukommende in die Pflicht zu nehmen, und erwähnt, dass Muslime in den westlichen Gesellschaften zu den am wenigsten integrierten und am wenigsten erfolgreichen Gruppen zählen. Das passt Frauke Petry selbstverständlich in den Kram - und Lamya Kaddor, die nun wirklich nicht Vertreterin eines irgendwie konservativen Islams ist, selbstverständlich gar nicht. Der Befund, Religion sei ein wichtiger Faktor bei der Integration, erscheint ihr zu pauschal, Dietmar Bartsch goutiert es nicht, dass man über „die Syrer“ oder „die“ Flüchtlinge spricht. Thomas de Maizière verfällt in den ihm eigenen Abwägungsmodus: Ein extremistischer Islam gehöre nicht zu Deutschland, ein aufgeklärter selbstverständlich doch. Das klingt so, als könnten wir uns das aussuchen und hätten nicht schon längst beides im Land, den selbstverständlich aufgeklärten Islam als auch die fanatisierten Bombenleger.

Anne Will zieht ein Umfrage-Ass aus dem Ärmel

Aber immerhin sagt de Mazière auch, es spreche viel dafür, dass die Integration der Zuwanderer aus der Türkei und auch aus Syrien ein Leichtes sei im Vergleich zu den Gruppen aus Nordafrika, die zu uns kommen beziehungsweise auch schon da sind. Damit verweist der Innenminister nicht zum ersten Mal auf eine Facette der Merkelschen Grenzöffnungspolitik, deren Folgen sich in geballter Form in der Silvesternacht in Köln zeigten und von denen nicht anzunehmen ist, dass sie von alleine verschwinden.

Zum guten Schluss zieht Anne Will noch ein Ass aus dem Ärmel, mit dem sie die stets auf Attacke gepolte Frauke Petry ausstechen will: Ob sie wisse, wie viele der „hochreligiösen Sunniten“ in Deutschland die Demokratie für eine gute Regierungsform halten? Weiß Frauke Petry selbstverständlich nicht. Neunzig Prozent seien es, sagt Anne Will und schiebt den Prozentsatz der „hochreligiösen Sunniten“ hinterher, die in diesem Land leben und angeblich die Homosexuellen-Ehe befürworten: 40 beziehungsweise 58 Prozent seien es.

Wo kommen die Zahlen her?

Angesichts eines solchen Beweises religiöser und weltanschaulicher Toleranz im Nathan-der-Weise-Format ist man, also in diesem Fall Frauke Petry, schon etwas baff: Dann haben wir ja gar kein Problem! Im nächsten Moment aber wird man doch skeptisch. Wo kommen die Zahlen her? Aus dem „Religionsmonitor. Sonderauswertung Islam“ der Bertelsmann-Stiftung, dem eine Umfrage aus dem Jahr 2012 unter 14.000 Menschen aus dreizehn Ländern und eine ergänzende Emnid-Befragung von Ende 2014 zugrunde liegt, aus deren Zusammenfassung nicht so ganz genau hervorgeht, wie viele Nicht-Muslime und Muslime befragt und wer wozu mit welcher Fragestellung genau behelligt wurde und ob das alles so repräsentativ ist, wie es klingen soll, wenn es heißt, unter den „reflektierten, hochreligiösen Sunniten“ in Deutschland seien 58 Prozent für die Homo-Ehe. Wer definiert, was „reflektiert, hochreligiös“ ist? Und warum sind die Vorbehalte bei Menschen gegen den Islam am größten, die überhaupt keinen Umgang mit Muslimen pflegen?

Das wären brauchbare Ansätze für eine Debatte. Leider liefern sich in diesem Moment Frauke Petry und Lamya Kaddor ein kleines Lautsprecherduell, leider ist die Sendezeit nun vorbei und leider erzählt Thomas Roth schon, worum es gleich bei den „Tagesthemen“ geht: Die Griechenland-Krise ist noch immer nicht vorüber.

Das ist die Einwanderungsdebatte selbstverständlich auch nicht. Die Gretchenfrage wird uns noch beschäftigen.

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