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TV-Kritik: „Maischberger“ : Aufs Scheitern setzen

  • -Aktualisiert am

Sandra Maischberger und ihre Gäste Bild: WDR/Max Kohr

„Wie gefährlich sind Deutschlands Populisten?“ lautete das Thema der Sendung. Eine gute Gelegenheit, Thilo Sarrazin und Beatrix von Storch den Wind aus den Segeln zu nehmen. Es gelang nicht.

          3 Min.

          Wozu die AfD ja oder nein sagt, ist egal. Mit steilen Thesen erzeugt sie den Gegenwind, der ihr Auftrieb verleiht. Ihre politische Kommunikation setzt Spannungen frei. Jedes dadurch ausgelöste Zucken der Gegner wird als Erfolg verbucht und virtuos multipliziert. Wahrheit, Argumente, Kritik – die Methodik, wie sich offene Gesellschaften verständigen, könnte an dieser Praxis schmählich scheitern. Die Glaubenssätze der AfD scheinen jedes Dementi gestärkt zu überleben. So erzeugt sie eine eigene politische Mythologie. Dafür operiert sie wie ein linguistischer Parasit und nimmt von außen Einfluss auf die politische Rhetorik.

          Am eindrücklichsten gelingt ihr das mit dem Namen, der auf eine für alternativlos erklärte Politik antwortet. Allerdings bleibt sie den Beweis schuldig, dass sie tatsächlich Alternativen zu bieten habe. Die jetzige Parteiführung wirkt wie ein Erbschleicher der Gründer. Das Auftreten der AfD stellt die Demokratie auf die Probe. Zeigt sie sich dieser Gefahr gewachsen? Daran gibt es Zweifel.

          Schon das Timing der Sendung irritiert. Reicht es aus, dass Thilo Sarrazin ein neues Buch herausbringt und die AfD an diesem Wochenende ihren „Programmparteitag“ veranstaltet, Sarrazin und Frau von Storch mit einigen weiteren Gästen in ein Studio zu sperren?

          Tragisch und lächerlich

          Es ist eine Qual, Thilo Sarrazin reden zu hören. Nichts passt zusammen, wird aber unentwegt statistisch und biologistisch untermauert. Als Bestseller-Autor spekuliert Sarrazin schamlos à la baisse. Er verbeißt sich ins Scheitern der aktuellen Politik, spielt Kassandra und beschwert sich darüber, dass niemand auf ihn hört. Kassandra aber verkörperte das Nichtgehörtwerden. Deshalb wirkt Sarrazin tragisch und lächerlich zugleich.

          Die Kritik Gregor Gysis an der AfD wirkt kraftlos. Weder werden die anderen Parteien seinem Appell folgen, noch reicht es aus, die AfD-Politik der Rückkehr zum Nationalstaat „unmöglich“ zu nennen.

          Frau von Storch argumentiert wie die Oberste Heeresleitung: Die AfD ist im Felde des Verbreitens von politischem Unsinn unbesiegt. Weder spricht sie Probleme an, noch führt sie Debatten. Sie tut nur so. Indem sie eine Weltreligion ins gesellschaftliche Abseits stellt, wirft sie die Frage auf, ob ihre eigene Partei auf dem Boden des Grundgesetzes steht. Die Zweifel daran wachsen.

          Elmar Brok überholt mit seiner Talkshowpräsenz bald Wolfgang Bosbach. Nur warum? Dass die AfD mit Ängsten spielt, kann man ihr nicht zum Vorwurf machen, wenn man selbst keine Vorstellung von den gesellschaftlichen Ursachen dieser Ängste hat. Er beschreibt zutreffend, wie die politische Kommunikation insgesamt verroht.

          Kritik perlt ab

          Albrecht von Lucke, Redakteur der „Blätter für deutsche und internationale Politik“, illustriert ein Dilemma. Mit schneidender Rhetorik und ungeheuer schnell sagt er durchaus zutreffende Sachen, die Frau von Storch alle an sich abperlen lässt. Man könnte eine Bemerkung Ernst Blochs paraphrasieren: Was von Lucke tat, war richtig, was er nicht tat, falsch. Entspannt, punktgenau und kürzer hätte er mehr bewirkt. Von Storchs Reaktion („kollektive Schnappatmung“) nimmt der Kritik den Wind aus den Segeln. Von Luckes Befund aber trifft zu: Die AfD ist im Vergleich zu anderen rechten Parteien erfolgreich. Sie verdankt ihren Aufstieg den Fehlern für „alternativlos“ erklärter Politik. Mit ihrem Programmentwurf ist sie dabei, sich zu radikalisieren. Das könnte ihren Erfolg begrenzen.

          Thilo Sarrazin, die verkannte Kassandra, macht lieber Kasse auf dem Buchmarkt, als bei der AfD mitzuspielen. Ihm behagen die seltsamen Töne des Herrn Höcke nicht, der in einem Einspieler mit dem O-Ton zu vernehmen ist, Deutschland brauche „minus 200.000 Asylbewerber jährlich“.

          Die AfD würde Sarrazin gern an Bord holen. Dafür spricht der strategische Opportunismus ihres Vordenkers Alexander Gauland, der auch die Flüchtlingskrise als ein Geschenk für die AfD bezeichnete. Die AfD hat von Sarrazin, so könnte man Elmar Brok verstehen, schon profitiert, als es sie noch gar nicht gab. Er habe ihr den Weg bereitet. Darauf reagiert Sarrazin unwirsch. Das Lob behagt ihm nicht. Von Lucke legt nach: Die AfD habe Sarrazins steile Thesen zum Programm erhoben. Damit nicht genug, eskaliere sie mit ihrer Haltung zum Islam eine gesellschaftliche Konfliktlage, die dem IS in die Hände spiele, indem sie die Muslime gesellschaftlich an den Rand der Gesellschaft dränge.

          In der Wolle heimattreu

          Frau von Storch reagiert darauf mit einem rhetorischen Trick. Von Luckes Kritik sei das Produkt einer Parallelgesellschaft, als komme er von einem anderen Stern, während sie für die Thesen ihrer Partei autochthone Bodenhaftung reklamiert. In der Wolle heimattreu, so ihre Suggestion, brauche sie über solchen Unsinn nicht zu diskutieren. So immunisiert sie sich gegen Kritik.

          Der nächste Einspieler illustriert ein politisches Dilemma. Der Reihe nach werden Boris Palmer, Sahra Wagenknecht, Sigmar Gabriel und Thomas Strobl zitiert. Sie erwecken den Eindruck, als bedienten sie sich AfD-naher Prosa. Auch das monatelange Dauerfeuer Horst Seehofers gegen die Politik der Bundeskanzlerin trieb Wasser auf die Mühlen der AfD.

          Zum Ende entgleist die Diskussion. Die Frage, zu welchen Folgen ein Austritt Deutschlands aus dem Euro führe, beleuchtet ein Dilemma der Linken. Die ökonomische Kritik Gysis und von Luckes ist in diesem Format kaum vermittelbar. Sie zeigt zugleich ein Dilemma der bürgerlichen Parteien. Vehement wendet sich Elmar Brok gegen die Idee einer Volksabstimmung über den Verbleib Deutschlands in der Europäischen Währungsunion. Das Beispiel der Niederlande (das Nein zur EU-Assoziation der Ukraine) betrachtet er als warnendes Beispiel. Frau von Storch bedankt sich für diese Freihausbelieferung ihrer Vorurteile. Brok zeige die Demokratieferne der CDU.

          Die Beispiele geben keinen Anlass, Schwächen der deutschen Demokratie zu beklagen. Sie zeigen, wie sich die AfD parasitär an der Schwäche der Demokraten stärkt. Diese Schwäche ist nicht rhetorisch zu beheben. Der Kampf um die Verteidigung der Demokratie gegen ihre Feinde muss in der Sache härter werden.

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