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TV-Kritik: „Hart aber fair“ : Richter über Leben und Tod

Frank Plasberg diskutierte mit seinen Gästen über Suizidbeihilfe. Bild: dpa

Kurz vor der Bundestagsdebatte über ärztliche Suizidbeihilfe fragte man bei „Hart aber fair“ nach der moralischen Pflicht zum Töten. Eine Diskussion über die Gratwanderung zwischen Normalfall und Grenzfall.

          Das Thema Sterbehilfe stand dieses Mal bei Frank Plasbergs Diskussionsrunde „Hart aber fair“ auf der Agenda. Eine Runde, in der Skeptiker der Suizidbeihilfe auf den starken Befürworter Roger Kusch trafen.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Natürlich sorgte der Sterbehilfeverein von Kusch auch diesmal für Empörung. Moniert wurde nicht nur, dass Kusch sich seine Beihilfe zum Suizid von den Lebensmüden bezahlen lässt. Siebentausend Euro ohne Wartefrist, wie es heißt, im Einzelfall gibt’s auch Rabatt. Moniert wurde vor allem, dass er auch Leute in den Tod befördert wie die ältere, noch nicht einmal siebzigjährige Dame, die den Tod ihres Mannes nicht verwunden hatte und lieber sterben als ohne ihn weiterleben wollte.

          Kusch beruft sich in diesem wie in ähnlichen Fällen auf „gründliche ärztliche Untersuchung“ der Sterbekandidaten. Ein psychiatrisches Gutachten habe festgestellt, dass bei der betreffenden Frau nichts mehr zu machen sei, was bedeute, dass sie in den nächsten Jahren in keinen besseren psychischen Zustand kommen werde, ihre „Lebensfreude“ absehbar nicht wiederherstellbar sei.

          Der Psychiater als Prophet

          Kusch nehme also eine psychische Analyse wie eine Krebsdiagnose, stellte Frank Plasberg fest. Aber zeige nicht die Erfahrung, dass mit siebzig das Leben noch einmal neu losgehen könne? Dass durch irgendeine Zufallsbekanntschaft, durch irgendein nicht vorhersehbares Ereignis neuer Lebensmut gefasst werden könne?

          Die Unbedenklichkeit, mit der Kuschs Verein einen Psychiater zum Propheten macht, zum Richter über Leben und Tod, ist in der Tat erstaunlich. Als gebe es – über das hinaus, was Plasberg zu bedenken gab - nicht seit geraumer Zeit im forensischen Bereich eine lebhafte Debatte über den Wert psychiatrischer Gutachten. Darauf schien auch die Ärztin Susanne Rih anzuspielen, als sie vor der Illusion warnte, das Sterben geschäftsmäßig regeln zu können.

          Die SPD-Politikerin Kerstin Griese erklärte, mit ihrem Antrag zur ärztlichen Suizidbeihilfe ein solches geschäftsmäßiges Modell untersagen zu wollen, während Karl Lauterbachs Gesetzesvorschlag Kuschs Verein unbehelligt weiterarbeiten lässt. Der Bundestag will darüber am Freitag abstimmen.

          Kuschs Verein ist konsequent

          Unterbelichtet blieb bei „Hart aber fair“ freilich die Pointe, dass Kusch auf denselben Wert zielt, auf den auch die anderen, nicht geschäftsmäßig organisierten Suizidhelfer zielen: auf die „Selbstbestimmung“. Kusch wendet diesen Wert nur konsequent an. Wer Selbstbestimmung sagt und daraus zugleich eine moralische Pflicht der anderen herleitet, dem selbstbestimmten Willen in jedem Fall auch Geltung zu verschaffen, der darf über Kuschs Verein nicht die Nase rümpfen. Kusch ist der Vollstrecker der Selbstbestimmung, als solcher inszenierte er sich auch bei Plasberg.

          Ob es denn eine moralische Pflicht geben könne, jemanden zum Weiterleben zu zwingen, fragte Kusch. Nein, die gibt es natürlich nicht. Man kann verfügen, die medizinischen Apparate abzustellen. Man kann lebensverlängernde Maßnahmen sein lassen. Aber deshalb wie Kusch einen moralische Imperativ zum Töten nahezulegen, eben das Tun seines Vereins als philanthropisches Gebot auszulegen, das ist wenig mehr als Lobbyismus.

          Die falsche Ausfahrt?

          Auch der Moderator Jürgen Domian ging über diesen Unterschied hinweg, wenn er den Kritikern der Suizidbeihilfe entgegenhielt: „Sie missachten die Mehrheitsmeinung der Deutschen“. Was immer die Mehrheit der Deutschen in einem bestimmten Fragesetting zur Antwort gibt, kann für die ethische Urteilsfindung nicht maßgeblich sein. „Vielleicht nimmt man die falsche Ausfahrt? Zu früh?“ fragte Plasberg Anne Schneider, die Frau des ehemaligen EKD-Chefs Nikolaus Schneider, die vor einem Jahr die Krebsdiagnose erhielt und sich seinerzeit öffentlichkeitswirksam für Suizidbeihilfe einsetzte. Heute geht es ihr nach eigenem Bekunden sehr gut, sie mache Pläne fürs weitere Leben.

          Normalfall und Grenzfall

          Tatsächlich wäre sie, worauf Plasberg zielte, von heute her gesehen „zu früh“ aus dem Leben geschieden, wenn sie aus Verzweiflung über die Diagnose vor Monaten Suizid begangen hätte.  Insofern lässt sich der Fall Anne Schneider auch als Argument für die Verweigerung ärztlicher Suizidbeihilfe „als normaler Behandlungsmethode“ auffassen, wie ihr Mann Nikolaus Schneider festhielt. Er möchte eine solche Beihilfe lediglich in „Grenzfällen“ gewährleistet sehen. Hellwach reagierte Plasberg: Ob nicht jeder Sterbewillige seinen eigenen Fall als Grenzfall empfinde und ob es insofern nicht schizophren sei, eine Regel fürs Allgemeine und eine andere Regel für die Anwendung des Allgemeinen auszugeben?

          Doch Schneider bestand auf der Differenz von allgemeingültiger Norm und der Freiheit, gegen diese Norm zu verstoßen und ihr erst dadurch gerecht zu werden. Dass eine solche Argumentation prekär bleibt, wollte er nicht in Abrede stellen. So viel blieb bei „Hart aber fair“ dann doch hängen: Lieber Schneiders unsaubere Anwendungsmoral als Kuschs blitzblanke Vollstreckungsmoral.

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