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„Die kalte Wahrheit“ im ZDF : Hätte, hätte, Kausalkette

  • -Aktualisiert am

Suche nach der „kalten Wahrheit“: Petra Schmidt-Schaller an der Unfallstelle. Bild: Martin Rottenkolber

Der Fernsehfilm „Die kalte Wahrheit“ rekonstruiert eine Unfallnacht, die es in sich hat. Ein betrunkener Jugendlicher wird nachts überfahren. Die Polizei ermittelt nicht, dafür aber die Frau, die den Unfall verursacht hat.

          Da ist die Stelle. Da ist die kalte Nacht, und da ist der Wald. Da sind die Gräser, über die der Scheinwerfer huscht, und die Sekunden, in denen ein Mann auf den Asphalt tritt wie das Wild, dem man nicht ausweichen kann. Sogar das Schreien der Bremsen kennen wir schon.

          Nur die Frau, die in diesem perfekt montierten, ungewöhnlich konsequent gefilmten Thriller sowohl Täter wie Ermittler sein wird, ahnt das noch nicht, als sie vor Sonnenaufgang über die Landstraße rollt. Sie steuert ihren Wagen, wie man die Karre so fährt: etwas eingelullt vom Sound des Motors, der Weg zwischen Bett und Arbeit ist im Hirn einprogrammiert. Aber zu schnell? Helen Liebmann wird mit ihrem Freund später noch mal zum Unfallort fahren. Sie wird ihre Jacke dorthin legen, wo Moritz durch den Aufprall auf ihre Kühlerhaube starb, wird wiederholt zurücksetzen, beschleunigen, bremsen - und nein, sie war nicht zu schnell.

          Psychisches Nachbeben einer persönlichen Tragödie

          Das sieht auch Justitia so. Das Verfahren wegen „fahrlässiger Tötung“ wird eingestellt. Der Achtzehnjährige, der an diesem Abend auf der Landstraße starb, hatte 1,4 Promille im Blut. Er war mitten in der Nacht barfuß unterwegs, weit von allem entfernt.

          Dennoch passt der Gedanke, einen Jungen getötet zu haben, nicht in den Kopf der bis dato gewissenhaft durchs Leben schwebenden Ärztin (eine Mädchenfrau: Petra Schmidt-Schaller). Unterstützt von einem Anwalt, der das psychische Nachbeben einer persönlichen Tragödie wiederzuerkennen scheint (die ruhige Stütze des Films: Rainer Bock), sucht Helen Liebermann nach Menschen, die ihr ein Stück Verantwortung abnehmen könnten.

          Die könnten ihr mit Fug und Recht „Leben Sie mit Ihrer verdammten Schuld!“ entgegenschreien, wie das der Vereinstrainer macht. Tatsächlich geht es jedoch allen, die sie in Zusammenhang mit dem Unfalltod bringt, wie Liebermann auch. Die Eltern wissen nicht mehr, ob sie dem Sohn das übliche Geld für das Taxi mitgaben. Freunde verloren ihn aus dem Blick. Das blonde Nachbarsmädchen, das vor dem Holzkreuz an der Unfallstelle kauert, sagt: „Das wäre doch alles nicht passiert, hätte der einfach gewartet!“ Jeder fühlt etwas Schuld. Und jeder streift davon ab, was sich abstreifen lässt.

          Immer wieder verschwimmt die Welt

          So wird das bis zum unerwartet spannungsgeladenen Schluss gehen, an dem Liebermann denjenigen zur Rede stellt, der die eigentliche Verantwortung für das Geschehen zu tragen scheint. Wobei auch das relativ ist. Moritz war ja randvoll, so dass die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung den von Sarah Esser geschriebenen Film „Die kalte Wahrheit“ (Regie: Franziska Meletzky) durchaus auch im Rahmen der „Kenn dein Limit“-Kampagne aufführen könnte.

          Das Beeindruckendste an diesem präzisen Stück Fernsehen aber ist die Kamera von Bella Halben. Sie rückt uns so nah an den Hinterkopf der Protagonistin heran, dass wir ihre zum Scheitern verurteilte Suche nach Erlösung fast durchweg aus Liebermanns Warte wahrnehmen. Immer wieder verschwimmt um uns die Welt, blicken wir kurz auf Details. Eine ganze Szene lang stehen wir im Türspalt einer Dorfkirche, um die Worte der Trauerfeier vernehmen zu können.

          Wie Liebermann werden auch wir damit zusehends von der Überzeugung gepackt, mit der Recherche den Hinterbliebenen bei der Trauerarbeit zu helfen. Die Schauspielerin Ann-Kathrin Kramer, die die Mutter des Getöteten verkörpert, sagte in einem Interview gar: „Aufgrund dieser Hartnäckigkeit wird die Familie irgendwann Frieden finden können.“ Schwer zu sagen, ob das ein Trugschluss ist oder nicht.

          Die kalte Wahrheit läuft um 20.15 Uhr im ZDF.

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