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ARD zeigt „Zwei Leben“ : Deine Biographie stimmt nicht

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Der Anwalt Sven Solbach (Ken Duken) erlebt mit der Zeugin Katrine (Juliane Köhler) eine Überraschung. Bild: ARD Degeto/Zinnober Film/2012 TO

Die Nazis raubten die Kinder. Die Stasi machte die Kinder zu Spionen. Der Film „Zwei Leben“ erzählt eine deutsch-norwegische Agentengeschichte. Sie fußt auf einer wahren Begebenheit, will aber zu viel auf einmal.

          3 Min.

          Auf dem Papier sieht alles nach dem großen Wurf aus: Liv Ullmann spielt mit, die Grande Dame des nordischen Films. Sven Nordin, ein Schauspieler, der den Kjell Bjarne im „Elling“ ebenso draufhat wie den Isak und Brand auf der Bühne. Die deutschen Schauspieler, Juliane Köhler, Rainer Bock und Ken Duken, sind internationale Produktionen und historische Rollen gewohnt. Dazu die vielfach ausgezeichnete Kamerafrau Judith Kaufmann – und eine unerhörte Geschichte, deren roter Faden die Nazis und die Stasi verbindet. „Zwei Leben“ war der deutsche Beitrag zum Auslandsoscar, „Prädikat besonders wertvoll“ steht drauf. Die deutsch-norwegische Produktion, die alles auf einmal sein will – ein dunkles Echo der Besatzungszeit in Norwegen, ein Stasi-Thriller mit Showdown, ein Familien-Drama ohne Happy End –, entwickelt allerdings überraschend wenig Sogkraft.

          Zwar bedient sich der Film bei einer unerhörten Story, die Georg Mascolo und Hajo Schumacher 1997 im „Spiegel“ erzählten. Diese Geschichte „symbolisierte die Unmenschlichkeit zweier deutscher Unrechtssysteme“. Sie handelt von deutschen Soldaten, die Kinder mit norwegischen Frauen bekamen, von Besatzungskindern, die in ein Kinderheim in Sachsen verschleppt wurden, und sie handelt von der Stasi, die einige von ihnen für ihre Zwecke einspannte. „Wie die DDR drei norwegischen Lebensborn-Kindern ihre Biographie raubte“ war die Recherche betitelt.

          Wie ein ausgekippter Karteikasten voller interessanter Stichworte

          Doch statt voller Neugier zu erkunden, wie es zu diesen haarsträubenden Kapiteln der deutsch-norwegischen Geschichte kam, wie es überhaupt den vielen Frauen erging, die während der Besatzung von einem deutschen Soldaten geschwängert wurden, ob nun aus Liebe, Gelegenheit oder in Erfüllung eines ideologischen Auftrags zur Mehrung der „arischen Rasse“, belässt es „Zwei Leben“ bei einem kurzen, von einem jungen Anwalt (Ken Duken) vorgetragenen Abriss des Geschehens.

          Die alte Dame, die der Anwalt zur Vorbereitung einer Wiedergutmachungsklage in den neunziger Jahren besucht (Liv Ullmann), darf allenfalls murmeln, von den eigenen Eltern damals zur Adoptionsfreigabe ihrer Tochter gedrängt und, nach Kriegsende, von den norwegischen Mitbürgern interniert worden zu sein. Das reicht nicht, um das Geschilderte einordnen zu können. Die Historie liegt vor uns wie ein ausgekippter Karteikasten voller interessanter Stichworte. Und was das Bedauerlichste ist: Die Menschen in ihr lassen uns kalt.

          Mut und Geschick fehlen

          Dieser Mangel wiegt umso schwerer, da das Leben der kühlen Hauptprotagonistin, Åses Tochter Katrine (Juliane Köhler), ebenfalls nur oberflächlich erkundet werden darf. Sie ist eine seltsam panische Frau. Während der Anwalt kurz nach der Wiedervereinigung 1990 in ihr norwegisches Bilderbuchleben eindringt (Katrines Mann ist ein gutherziger Seebär, der für die Marine arbeitet, die Tochter hat ein uneheliches Kind, sie bewohnen ein Holzhaus an der pittoresken Westküste), reist Katrine mit falscher Perücke nach Ostdeutschland, um Akten zu vernichten, Zeitzeugen abzudrängen und das Kinderheim „Sonnenwiese“ zu besuchen, in dem sie aufwuchs. Konspirativ trifft sich Katrine in Oslo auch mit einem Mann, der sie seit Jahrzehnten zu kennen scheint: „Hugo, hier ist Vera, ich bin in Gefahr“, raunt sie ihm am Telefon zu.

          Katrine ist glücklich an der Seite ihres Mannes Bjarte (Sven Nordin), der von ihrem Doppelleben nichts ahnt. Bilderstrecke

          Dabei kippt der Film gelegentlich in die grobkörnige Wackel-Optik aus Super-8-Zeiten. Diese Rückblenden in die sechziger und siebziger Jahre schlüsseln Katrines Biographie auf. Ihnen ist zu entnehmen, dass sie als Heimkind von einem Stasi-Mitarbeiter (Rainer Bock) für den Einsatz in Norwegen vorbereitet wurde. Dass sie das Marinebüro ihres Mannes und damit wohl die Nato ausspionierte. Und dass die Geschichte von der heimgekehrten Tochter nicht stimmen kann, die Katrine einst der Familie und nun dem schnieken, die Entschädigungsklage vor dem Europäischen Gerichtshof vorantreibenden Anwalt auftischt. Die Wahrheit ist der Sprengstoff, der eine falsche, aber liebgewonnene Identität bedroht.

          Aus diesem Setting hätte ein Kammerspiel werden können, wenn der Regisseur Georg Maas und die Kamerafrau Judith Kaufmann, die das Drehbuch gemeinsam mit Ståle Stein Berg und Christoph Tölle verfassten, Figuren wie dem Anwalt oder dem Backfisch, der sich als eigentliches Opfer des perfiden Treibens herausstellen wird, mehr Leben eingehaucht hätten. Dazu fehlten den Filmemachern aber Mut und Geschick. Die Nebenfiguren verhungern als Stichwortgeber, während die Hauptfigur nicht zur Ruhe kommen und nachdenken darf – etwas Action muss ja auch noch mit rein. Obgleich mancherorts hochgelobt, erweist sich „Zwei Leben“ als Film, den man voller Erwartungen ein- und ernüchtert wieder ausschaltet.

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