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Deutschlands First Ladies : Kleine Fluchten aus dem großen Protokoll

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Die aktuelle Nummer eins: Daniela Schadt ist die Lebensgefährtin von Bundespräsident Joachim Gauck. Hier bei einem Interview in ihrem Büro im Schloss Bellevue in Berlin 2012. Bild: Julia Zimmermann

Der Frau an der Seite der Bundespräsidenten kommt eine besondere Rolle zu. Ein Dokumentarfilm beleuchtet die unterschiedlichen Biographien von „Deutschlands First Ladies“ aus sieben Jahrzehnten.

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          Marianne von Weizsäcker bezeichnet das Reisen und die damit verbundene Disziplin als „Hochleistungssport“. Eva Luise Köhler spricht mit einem Zwinkern im Auge von der Aufgabe und Bürde, „immer Deutschland zu sein“. Selbst an einer menschenleeren Kreuzung habe sie stets auf grünes Licht warten wollen. Die Ehefrau eines Bundespräsidenten gehe nicht bei Rot über die Straße. Christina Rau, als Enkelin Hilda und Gustav Heinemanns schon früh im Bonner Amtssitz Villa Hammerschmidt zu Gast, äußert sich zu dem „Skandal“, der sogar für die „Tagesschau“ ein Thema war: Zu einem offiziellen Anlass trugen sie und ihre Schwester Hotpants. Die beiden erschienen in der Nachrichtensendung in Nahaufnahme, abgefilmt von unten nach oben. Die veröffentlichte Meinung war empört - nicht über die Banalität, auch den Sexismus der „Nachricht“, sondern über die knappen Hosen.

          Drei Facetten und Aufgaben eines Amtes, das es nicht gibt. Verfassungsrechtlich, so der für das historische Erbe zuständige Vertreter des Bundespräsidialamtes, Stefan Pieper, ist es nicht vorgesehen. „Aber es gibt sie tatsächlich“, fügt er hinzu. Die Ehepartner der jeweiligen Bundespräsidenten, bislang allesamt Frauen. Elf ganz unterschiedliche Persönlichkeiten, elf weibliche Biographien, elfmal die Macht des Faktischen. Von Elly Heuss-Knapp bis zu Daniela Schadt wird der Bogen gespannt. „First Ladies“ sind sie eigentlich nicht, genauso wenig wie ihre Gatten „First Husbands“. Das Amt, das es nicht gibt, ist zwar vor allem ein repräsentatives, bietet aber, so wird in der zwar konventionellen, aber informativen Dokumentation „Deutschlands First Ladies“ aus der Reihe „Geschichte im Ersten“ deutlich, gerade durch seine Unschärfe und Unbestimmtheit Gestaltungsspielraum.

          Gestaltungsspielraum freilich gibt es nur innerhalb der Grenzen des Protokolls. So gehören in diesem Film von Jobst Knigge die dezenten, dennoch deutlichen Ausführungen des Protokollchefs Horst Arnold, der das Amt von 1965 bis 2000 innehatte, zu den Höhepunkten. Repräsentieren und Empfangen von Staatsoberhäuptern, moralisches und gesellschaftliches Vorbild im unbezahlten Ehrenamt, Abbild deutscher Familien- und Lebenswirklichkeit, mal lauteres, mal leiseres Auftreten für die gute Sache und die Niederungen von Boulevard, Klatsch und mitunter impertinenter Neugier gerade auch in Fragen der Äußerlichkeit (die nicht immer welche sind, sondern auch symbolischen Charakter haben können) - dazu in manchen Fällen eigene Kinder. Jede der Frauen, so betont der Film, habe die vielseitigen Obliegenheiten anders gewichtet und individuell gelöst. Allzu viel Kritisches darf man nicht erwarten, warum auch? „Deutschlands First Ladies“ ist eine Hommage an die zumeist wirklich bemerkenswerten Damen. Weihrauchfassschwenken indes bleibt aus, sieht man von der unerträglich pompösen, wohl präsidial gemeinten Musikunterlegung ab.

          Konzentriert sich der erste Teil auf die Bewohnerinnen der Villa Hammerschmidt, setzt der zweite mit der Berliner Republik und der Verlegung des Amtssitzes ins Schloss Bellevue ein. Nachdem die erste Bundesversammlung Theodor Heuss im September 1949 zum ersten Bundespräsidenten gewählt hatte, brachte er mit Gattin Elly Heuss-Knapp eine überaus emanzipierte Frau ins Amt mit. Einer Straßburger Professorenfamilie entstammend und hoch gebildet, darf sie zudem als Erfinderin des Jingles in der Radiowerbung gelten.

          Umstritten: Der Ehefrau vom ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff wurden nicht nur ihre Tattoos vorgeworfen. Bettina Wulff ließ sich auch von ihrem Ehemann scheiden. Um ihn im Herbst 2015 wieder zu heiraten.

          Nach 1945 waren beide Landtagsabgeordnete, nun widmete sie sich mit Verve den Müttern, gründete 1950 das Müttergenesungswerk. Dass auch ein leiseres Temperament wirkungsvolle Durchsetzungskraft entfaltet, zeigt sich am Beispiel Marianne von Weizsäckers. Mit Nancy Reagan verband sie der Einsatz gegen Drogen. Als diese, die ehemalige Schauspielerin, beim Staatsbesuch mit Drogenabhängigen posieren wollte, wusste die deutsche „Erste Frau im Staat“ das dezent zu unterbinden. Wie Marianne von Weizsäcker darüber spricht, wie behutsam sie ihre gleichwohl deutlich durchscheinende Kritik am Gefallen der Kohls am großen Auftritt formuliert, lohnt allein das Einschalten.

          Unisono sind die Interviewpassagen, in denen Marianne von Weizsäcker, Christina Rau, Eva Luise Köhler, Bettina Wulff und Daniela Schadt über die ersten Vorgängerinnen und ihre Verdienste sprechen, erhellend, auch pro domo. Übereinander, das versteht sich, verliert man keine Worte. Was die „Würde des Amtes“ bedeuten kann, erfährt man so quasi im Akt des rhetorischen Entstehens.

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