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Deutsch-polnische TV-Dokumentation : Der Zweite Weltkrieg wirft lange Schatten

  • -Aktualisiert am

Hitler besichtigt die zerstörte Westerplatte vor Danzig. Hier eröffnete am 1. September um 4:45 Uhr das Schiff „Schleswig-Holstein“ das Feuer. Bild: dpa

Das ZDF und das polnische Fernsehen TVP haben gemeinsam eine Dokumentation zum Zweiten Weltkrieg produziert. Aus ihr kann man Lehren zur jetzigen Lage in Europa ableiten. Daran läge vor allem den Polen.

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          Ist es Panikmache, wenn angesichts der dramatischen Situation in der Ukraine das Szenario eines großen Krieges an die Wand gemalt wird? Oder ist es töricht, nicht auch diese Gefahr zu durchdenken? Das fragen dieser Tage viele, und das fragte auch die Kolumnistin Anne Applebaum gerade in der „Washington Post“, eine Osteuropa-Historikerin, deren Worte schon dadurch Gewicht bekommen, dass sie mit dem polnischen Außenminister Radek Sikorski verheiratet ist.

          Die Antwort legte die Überschrift nahe: „War in Europe is not a hysterical idea“. In Osteuropa gibt es die Furcht, die jetzige Situation könne mit dem Sommer 1939 zu vergleichen sein, jenen Monaten vor dem 1. September, in denen man sich sicher wähnte und das Leben genoss, statt „alles fallenzulassen, zu mobilisieren und sich auf den totalen Krieg vorzubereiten, solange es noch möglich war“, wie Anne Applebaum schreibt.

          Offiziell unerklärter Krieg

          Polnische Intellektuelle haben am Montag einen Aufruf verfasst, in dem sie davor warnen, dass der Westen fünfundsiebzig Jahre nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs Gefahr laufe, abermals vor einer Aggression zu kapitulieren. Es brauche eine neue Ostpolitik, nicht Waffenlieferungen an Russland, wie sie Frankreich gerade betreibt, heißt es in dem von zwanzig Unterzeichnern unterstützten Warnruf. Zu ihnen zählen der Historiker und ehemalige polnische Außenminister Władysław Bartoszewski, der Publizist Andrzej Stasiuk und der Regisseur Andrzej Wajda.

          Der polnische Präsident Bronislaw Komorowski erinnerte am Wochenende in einem Interview an die fatalen Folgen der Appeasementpolitik der dreißiger Jahre: „Darum müssen wir uns jetzt klarmachen, dass eine Politik des Nachgebens zu nichts führt“, sagte er. Währenddessen bestimmten die europäischen Staatschefs in Brüssel den polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk zum kommenden EU-Ratspräsidenten und plant die Nato neue Stützpunkte in Osteuropa. Wladimir Putin betreibt derweil weiter seine Politik eines offiziell unerklärten Krieges in der Ukraine und will über die Zukunft von „Neurussland“ reden.

          Weiterführung von Guido Knopps Herangehensweise

          Ohne diese Nachrichtenlage im Hinterkopf wird der erste Part des dokumentarischen Zweiteilers „Der erste Tag“, der die Chronik des Kriegsausbruchs vor 75 Jahren sowohl aus deutscher wie polnischer Sicht beleuchtet und in beiden Ländern gezeigt wird, kaum verfolgt werden können. Dafür ist die Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs zu sehr mit einem Mann verbunden, der „seine Opfer als klassischer Erpresser vor sich hertrieb“ und zunehmend glauben konnte, „der Westen habe keinen Mumm“ mehr, wie es in der Dokumentation über Adolf Hitler heißt.

          Erst der Jubel in Österreich und der mit den Unterschriften des britischen Premierministers Neville Chamberlain und des französischen Premiers Édouard Daladier legitimierte Anschluss des Sudetenlandes. Dann der Einmarsch in Prag und ins Memelland, die mit Hilfe eines SS-Heimwehrverbands und „Wir wollen heim ins Reich“-Bannern zugespitzte Lage in der Freien Stadt Danzig. Weniger als ein Jahr nach dem Münchner Abkommen schließlich: die Bomben auf Wieluń und Warschau, die Errichtung des Generalgouvernements, der Einzug des rassistischen Terrors und der Vernichtung.

          Das Buch für die Dokumentation schrieben Christian Frey und Peter Hartl, zwei erfahrene Autoren der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte. Sie setzen stilistisch dort an, wo der 2013 in die Rente verabschiedete Geschichtsbeauftragte des Senders, Guido Knopp, aufhörte. Sie legen anschaulich Einzelschicksale dar, setzen selbstverständlich auf Schauspiel-Elemente und Emotionalisierung. Sie hören prominente Zeitzeugen wie die Regisseure Andrzej Wajda und Roman Polanski, dessen Mutter 1942 im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau umgebracht wurde. Der Journalist Niklas Frank berichtet im zweiten Teil von der Gewaltherrschaft seines Vaters Hans Frank, Hitlers Generalgouverneur im besetzten Polen, der „Schlächter von Polen“ genannt und am 1. Oktober 1946 im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess zum Tode verurteilt wurde.

          Bemerkenswerte deutsch-polnische Koproduktion

          Ein deutscher Stuka-Flieger tritt auf. Eine polnische Patriotin. Der Sohn eines SA-Mannes. Ein Jüdin, die 1939 als Kind nach England gelangte. Historiker geben ihre Einschätzungen ab: Sönke Neitzel und Jochen Böhler, Ian Kershaw und Richard Overy, Bogdan Musiał und Paweł Machcewicz. Gemeinsam liefern sie uns einen etwas wuchtigen Lehrfilm, in dem sowohl die Geschichte der friedfertigen deutschen Minderheiten in Polen wie die Mordtaten der Verbrecher in Uniform ihren Platz finden als auch das Nachdenken der Kinder der Täter. Auch Polens Propaganda vor dem Angriff der deutschen Wehrmacht wird problematisiert.

          Als Junge erlebte der Regisseur Roman Polanski die Judenverfolgung im Getto von Krakau. Er konnte fliehen, seine Mutter wurde in Auschwitz ermordet.
          Als Junge erlebte der Regisseur Roman Polanski die Judenverfolgung im Getto von Krakau. Er konnte fliehen, seine Mutter wurde in Auschwitz ermordet. : Bild: privat

          Es ist eine bemerkenswerte deutsch-polnische Koproduktion, die man auch vor dem Hintergrund der polnischen Kritik an dem vom ZDF im vergangenen Jahr gezeigten Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ sehen muss. Der Film gilt in seiner Darstellung des Zweiten Weltkriegs bei uns als herausragend, in Polen haben die Szenen, in denen es um polnischen Antisemitismus und die Widerstandsbewegung ging, heftige Kritik erfahren.

          Kleine Ärgernisse

          Mit dieser Dokumentation zum 75. Jahrestag des Kriegsbeginns, die beim ZDF und zugleich im polnischen Fernsehen TVP1 zu sehen ist, wolle man „ein Zeichen setzen“, sagte der Leiter der ZDF-Zeitgeschichtsredaktion, Stefan Brauburger. Projekte, „die an die schmerzlichen Kapitel der Vergangenheit erinnern“, seien noch immer „allzu selten“. „Wenn Deutsche und Polen mit gleichen Inhalten und Bildern, mit denselben Zeitzeugen auf beiden Seiten gemeinsam dieses dunkle Kapitel der Geschichte aufarbeiten, so ist das ein wichtiger Schritt gegenseitiger Verständigung“, sagte Andrzej Godlewski, der stellvertretende Programmdirektor des Senders TVP1.

          Ärgerlich finden kann man an der Dokumentation nur, wie im Zeitgeschichts-Fernsehen so häufig, das schicksalsschwere Trommelschlagen und das Dröhnen in der Tonspur sowie die platten Dialoge, mit denen die Geschichte in nachgestellten Szenen ins Banale gezogen wird. „Lauft Kinder, schneller!“, sagte eine Mutter mit sich überschlagender Stimme beim deutschen Angriff auf Polen.

          Ein Oberst der Wehrmacht sagt: „Männer, jetzt wird’s ernst. Wir greifen an, Befehl von ganz oben.“ Ein Herr Schmidt erklärt: „Ja, Meier, ich fürchte, es ist Krieg.“ Und der Sommer 1939, also genau jener Sommer, von dem Anne Applebaum in der „Washington Post“ sprach, um anschließend auf Putin einzugehen, ist in der Kommentierung der heute im ZDF beginnenden Dokumentation „ein Bilderbuchsommer, der nicht enden will“. Dann kam der 1. September.

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