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Deutsch-polnische TV-Dokumentation : Der Zweite Weltkrieg wirft lange Schatten

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Das Buch für die Dokumentation schrieben Christian Frey und Peter Hartl, zwei erfahrene Autoren der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte. Sie setzen stilistisch dort an, wo der 2013 in die Rente verabschiedete Geschichtsbeauftragte des Senders, Guido Knopp, aufhörte. Sie legen anschaulich Einzelschicksale dar, setzen selbstverständlich auf Schauspiel-Elemente und Emotionalisierung. Sie hören prominente Zeitzeugen wie die Regisseure Andrzej Wajda und Roman Polanski, dessen Mutter 1942 im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau umgebracht wurde. Der Journalist Niklas Frank berichtet im zweiten Teil von der Gewaltherrschaft seines Vaters Hans Frank, Hitlers Generalgouverneur im besetzten Polen, der „Schlächter von Polen“ genannt und am 1. Oktober 1946 im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess zum Tode verurteilt wurde.

Bemerkenswerte deutsch-polnische Koproduktion

Ein deutscher Stuka-Flieger tritt auf. Eine polnische Patriotin. Der Sohn eines SA-Mannes. Ein Jüdin, die 1939 als Kind nach England gelangte. Historiker geben ihre Einschätzungen ab: Sönke Neitzel und Jochen Böhler, Ian Kershaw und Richard Overy, Bogdan Musiał und Paweł Machcewicz. Gemeinsam liefern sie uns einen etwas wuchtigen Lehrfilm, in dem sowohl die Geschichte der friedfertigen deutschen Minderheiten in Polen wie die Mordtaten der Verbrecher in Uniform ihren Platz finden als auch das Nachdenken der Kinder der Täter. Auch Polens Propaganda vor dem Angriff der deutschen Wehrmacht wird problematisiert.

Als Junge erlebte der Regisseur Roman Polanski die Judenverfolgung im Getto von Krakau. Er konnte fliehen, seine Mutter wurde in Auschwitz ermordet.
Als Junge erlebte der Regisseur Roman Polanski die Judenverfolgung im Getto von Krakau. Er konnte fliehen, seine Mutter wurde in Auschwitz ermordet. : Bild: privat

Es ist eine bemerkenswerte deutsch-polnische Koproduktion, die man auch vor dem Hintergrund der polnischen Kritik an dem vom ZDF im vergangenen Jahr gezeigten Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ sehen muss. Der Film gilt in seiner Darstellung des Zweiten Weltkriegs bei uns als herausragend, in Polen haben die Szenen, in denen es um polnischen Antisemitismus und die Widerstandsbewegung ging, heftige Kritik erfahren.

Kleine Ärgernisse

Mit dieser Dokumentation zum 75. Jahrestag des Kriegsbeginns, die beim ZDF und zugleich im polnischen Fernsehen TVP1 zu sehen ist, wolle man „ein Zeichen setzen“, sagte der Leiter der ZDF-Zeitgeschichtsredaktion, Stefan Brauburger. Projekte, „die an die schmerzlichen Kapitel der Vergangenheit erinnern“, seien noch immer „allzu selten“. „Wenn Deutsche und Polen mit gleichen Inhalten und Bildern, mit denselben Zeitzeugen auf beiden Seiten gemeinsam dieses dunkle Kapitel der Geschichte aufarbeiten, so ist das ein wichtiger Schritt gegenseitiger Verständigung“, sagte Andrzej Godlewski, der stellvertretende Programmdirektor des Senders TVP1.

Ärgerlich finden kann man an der Dokumentation nur, wie im Zeitgeschichts-Fernsehen so häufig, das schicksalsschwere Trommelschlagen und das Dröhnen in der Tonspur sowie die platten Dialoge, mit denen die Geschichte in nachgestellten Szenen ins Banale gezogen wird. „Lauft Kinder, schneller!“, sagte eine Mutter mit sich überschlagender Stimme beim deutschen Angriff auf Polen.

Ein Oberst der Wehrmacht sagt: „Männer, jetzt wird’s ernst. Wir greifen an, Befehl von ganz oben.“ Ein Herr Schmidt erklärt: „Ja, Meier, ich fürchte, es ist Krieg.“ Und der Sommer 1939, also genau jener Sommer, von dem Anne Applebaum in der „Washington Post“ sprach, um anschließend auf Putin einzugehen, ist in der Kommentierung der heute im ZDF beginnenden Dokumentation „ein Bilderbuchsommer, der nicht enden will“. Dann kam der 1. September.

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