https://www.faz.net/-gsb-92t7y

TV-Film „Angst“ : Sie können sich niemals sicher sein

  • -Aktualisiert am

Hinterrücks: Rebecca Tiefenthaler (Anja Kling) ist vor Dieter Tiberius (Udo Samel) Nachstellungen nicht sicher. Bild: ZDF und Stefan Erhard

Nach der wahren Geschichte einer verfolgten Familie: Das ZDF hat Dirk Kurbjuweits Roman „Angst“ verfilmt. In dem treibt ein gefährlicher Stalker ein Paar in den Wahnsinn.

          „Magst du den Sex mit mir nicht mehr?“ – „Doch, ich mag den Sex mit dir. Er ist schön.“ Der Dialog steht exemplarisch für den Umgang der Eheleute Randolph (Heino Ferch) und Rebecca Tiefenthaler (Anja Kling) miteinander. In ihrer Familie könnte es kaum hölzerner und distanzierter zugehen. Er bleibt gern lange im Büro, um dann den Abend mit noch mehr Arbeit in einem Sterne-Restaurant ausklingen zu lassen. Sie trinkt zu Hause das riesige Rotweinglas allein auf dem Designersofa aus, während oben die Kinder Fee und Paul mal wieder eingeschlafen sind, ohne Papa gesehen zu haben.

          Die Familie hat gerade eine schicke Altbau-Wohnung in einem Berliner Villenviertel bezogen, und alle Zeichen deuten darauf hin, dass sie sich mit der Heile-Welt-Fassade arrangiert. Doch dann tritt ein Störenfried auf den Plan, Herr Tiberius aus dem Souterrain. Dessen vergammelte Wohnung passt nicht zum toprenovieren Rest des Hauses und der übergewichtige Frührentner nicht zu den anderen Bewohnern aus der oberen Mittelschicht. „Schichten“ dürfe man noch sagen, meint ein Freund der Tiefenthalers. Gemeint ist eigentlich: „Klassen“. Herr Tiberius hat ein Auge auf Rebecca Tiefenthaler geworfen, er hat sich „ein bisschen in sie verliebt“. Bei solchen Hinweisen bleibt es nicht, Tiberius ist ein Stalker, er beschuldigt die Tiefenthalers, sie missbrauchten ihre Kinder. Schließlich benachrichtigen beide Seiten die Polizei.

          2013 hat der stellvertretende „Spiegel“Chefredakteur Dirk Kurbjuweit die Geschichte der Tiefenthalers in seinem Roman „Angst“ erzählt. Er ging offen damit um, dass er von wahren Begebenheiten dazu inspiriert wurde. Kurbjuweits Familie hatte zehn Jahre zuvor selbst mit einem Stalker à la Tiberius zu kämpfen – der Autor entwickelte Mordphantasien und verzweifelte am Rechtsstaat. Zu der Verfilmung von Thomas Berger hat Kurbjuweit nun auch das Drehbuch geschrieben. Heino Ferch spielt den Familienvater mit einer überzeugenden Arroganz, für die ihn Anja Kling als perfektionistische Ehefrau abwechselnd liebt und verachtet. Udo Samel bewegt sich als Tiberius mitunter nah an der Grenze zur Karikatur, überschreitet sie aber nicht.

          Er macht den Tiefenthalers das Leben zur Hölle: Dieter Tiberius (Udo Samel).

          Wie schon der Roman beginnt der Film mit dem Ende der Geschichte, behält allerdings weit mehr für sich. Dem Leser sind Tat und Täter gleich bekannt, dem Zuschauer wird ein mysteriöses Unheil nur angedeutet, dass es noch aufzudecken gilt. Während der Roman sich also sofort gegen klassische Elemente des Psychothrillers, als der er beworben wurde, wehrt, will der Film das Genre zunächst bedienen und setzt auf Spannung. Auf der Soundebene macht Christoph Zirngibl von Anfang an Druck, Frank Küpper stellt die verunsicherten Protagonisten mit der Kamera auf verlorenen Posten. Seine Bilder von Berlin könnten auch aus einem Werbefilm für Bau-Investoren stammen, hier hat sogar das Polizeirevier nackte Backstein-Wände und Glasfassaden.

          Die Anwältin der Tiefenthalers sitzt in luftigen Höhen auf der Konferenz-Etage der Luxuskanzlei, hinter ihr arbeiten Kräne schon am nächsten Großprojekt. „Wir leben leider in einem Rechtsstaat“ erklärt sie ihren fassungslosen Mandanten. „Ich liebe den Rechtsstaat. Aber ich erwarte jetzt von ihm, dass er diesen Menschen aus der Wohnung entfernt“, ruft Randolph später einer Polizistin zu. Die muss ihn enttäuschen: „Wir hätten eine Handhabe, wenn er handgreiflich werden würde. Der Rechtsstaat lässt uns keine andere Möglichkeit.“

          Dieser Rechtsstaat wird zu einem eigenen Protagonisten. Kurbjuweit will das unbedingt, immer wieder lässt er seine Figuren davon sprechen, anstatt sich auf filmische Mittel zu verlassen. Der Spannungsaufbau tritt dabei in den Hintergrund. Die Zuschauer wissen schon vor den Tiefenthalers, dass Herr Tiberius sie belauscht, der Schock der Ehefrau, als sie dies herausfindet, geht ins Leere. Die ständige Spannung aber, die Angst, von der die Stalking-Opfer zermürbt werden, braucht es, um nachvollziehen zu können, wieso ein kultivierter Mensch irgendwann die Beherrschung verliert. Die Angst ist das einende Moment in einer Welt, in der eine Freundin des Paars auf die Missbrauchsgeschichte mit dem Satz reagiert: „Als Familienanwältin weiß ich, dass Kindesmissbrauch auch in bürgerlichen Familien vorkommt.“

          Weitere Themen

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Topmeldungen

          Französische Bereitschaftspolizisten nach einer Farbbeutelattacke der „Gelbwesten“ am 1. Dezember in Paris

          Aufstand in Frankreich : Die gelbe Gefahr

          Der Aufstand der „Gelbwesten“ hat seine Unschuld verloren. Er bildet die sehr französische Variante einer stillen völkischen Revolution, die ganz Europa erfasst hat. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.