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Der Wahlabend im Fernsehen : Welche Koalition hätten Sie denn gern?

  • -Aktualisiert am

Illustre Runde in der ARD: Auch die Spitzenpolitiker wussten zwischendurch nur, dass man noch nichts weiß Bild: ARD

Mit diesem Ergebnis hatte niemand gerechnet: ARD, ZDF, RTL, n-tv, N24 und Phoenix berichten über eine denkwürdige Bundestagswahl. Das vorläufige Fazit: Verwirrung.

          Im ARD-Hauptstadtstudio ließen sie diesmal nichts anbrennen. „Spannend wie ein Tatort“ werde der Wahlabend sein, versprachen Caren Miosga und Ulrich Deppendorf. Und so war es, schon weil Jörg Schönenborn, der Mann mit dem Statistik- und Touchscreen-Fetisch, immer wieder auf die Unsicherheiten verweisen musste, die mit den Prognosen und Hochrechnungen verbunden waren, während ein Reporter nach dem nächsten daran scheiterte, ratlosen Politik-Prominenten am Rande ihrer Kräfte so etwas wie eine Koalitionsaussage zu entlocken. Ein leidenschaftliches Trio, also sprang die Leidenschaft auch auf den Zuschauer über. Klammert sich die FDP an eine Schlange?

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Zwar wissen wir noch immer nicht, was genau uns das türkische Sprichwort über den Zustand der FDP verraten sollte, das Hatice Akyün vom „Tagesspiegel“ vor 18 Uhr in den Raum warf: „Wer zu ertrinken droht, klammert sich auch an eine Schlange.“ Vermutlich ist es auch so, dass der Außenreporter, der vier arme Passanten vor dem Kanzleramt nach ihren Befindlichkeit befragen musste, bis heute auf den großsprecherisch angekündigten Menschenauflauf vor der „Waschmaschine“ wartet. Und was die Hessen betrifft: Die Analyse „Der Apfelwein fließt nicht mehr“ greift reichlich kurz.

          Konzentriertes Gesamtbild

          Im Großen aber fügte sich in der ARD fast alles zu dem konzentrierten Gesamtbild, das von einem öffentlich-rechtlichen Sender erwarten werden darf - von kleinen satirischen Einlagen in der Stunde vor der Prognose und Blitz-Einordnungen des Politologen Everhard Holtmann über Korrespondenten-Berichte aus dem Ausland bis hin zu einer überraschend ruhigen Günther Jauch-Sendung, in der Wolfgang Schäuble und Gerhart Baum, wohl wissend, welch historischer Einschnitt sich eben ereignet hatte, alles zusammenzukratzen versuchten, was den Liberalen noch eine Zukunft verheißen könnte.

          Stets dran an den aktuellen Zahlen: das ARD-Wahlstudio mit WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn, ARD-Hauptstadtstudioleiter Ulrich Deppendorf und Moderatorin Carmen Miosga Bilderstrecke

          Die Talkrunde schloss damit, dass Schäuble, entnervt von Jauchs Bohren, für die kommenden Tage weder ein Zweckbündnis mit den Sozialdemokraten noch den Grünen ausschließen mochte. Einer von beiden, sagte er mit spitzbübischem Grinsen, werde sich schon zur Zusammenarbeit mit Angela Merkel „erbarmen“, wenn es sein müsse. Um zugleich, wenn auch etwas gedrängt von Jauch, auf größtmögliche Distanz zum „demagogischen Wahlkampf“ der AfD zu gehen. Das war das deutliche Wort zum Charakter der neuen Partei nahe der Fünfprozenthürde, um das sich die Berichterstatter zuvor herumgedrückt hatten, „weil wir“, so der Mann, der im Normalfall für alles eine Zahl hat, „die AfD nicht einschätzen können“.

          Sogar die Anbiederung bei der Netzgemeinde hatte ihren Reiz, weil sie vergleichsweise dezent war. Per Videotext konnte der Zuschauer über das Fernsehbild der ARD legen, was an Flüchtigkeiten über die Bundestagswahl getwittert wurde. Und das, muss man bei aller Skepsis gegenüber einem für Manipulationen anfälligen Instrument wie diesem sagen, war nicht immer banal, sondern zuweilen sehr wach formuliert: „Die Politikwissenschaftler können ihr Kapitel vom Ende der Volksparteien umschreiben“;  „In 22 Minuten erklärt Pofalla die Wahl für beendet“;  „4,9 Prozent für die AfD? Verdammter Euro. In D-Mark wären es 9,8 Prozent.“ Vielleicht geht auch so modernes Wahlfernsehen. Man muss ja nicht gleich jeden Satz durch den bärtigen Ingo Zamperoni verlesen lassen wie die Politiker-Statements, die er im Netz fand.

          (Matthias Hannemann)

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