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„Ich war eine glückliche Frau“ : Wir streben ins Dunkel, und wir wissen es

Stumme Verzweiflung: Petra Schmidt-Schaller spielt Eva Sanders. Bild: HR/Bettina Müller

Der Film „Ich war eine glückliche Frau“ blickt auf den Zerfall von Beziehungen. Eine scheinbar heile Familie birgt ein dunkles Geheimnis, und die Nachbarin sieht nur, was sie sehen will. Die Frage ist, was uns das sagen soll.

          Abends um 20.15 Uhr öffnet sich im Ersten der Blick auf den alltäglichen Zerfall der Dinge. Dabei beginnt es in dem Film nach einer Erzählung der Autorin Margriet de Moor mit Bildern der Harmonie. Die Kamera von Philipp Timme konzentriert sich auf die schlanken Waden der Schauspielerin Petra Schmidt-Schaller. Die von ihr gespielte Eva Sanders steht im Zentrum des zunächst nach heiler Welt ausschauenden Geschehens. Den Abschwung kündigt ein seelenlos wirkendes, weil computeranimiertes Ahornblatt an, das über den Gehsteig weht. Von Petra Schmidt-Schaller hören wir aus dem Off den Satz: „Wer rechnet schon damit, dass die Wärme der Sonne auf einem Paar ausgestreckter Beine von vorübergehender Natur ist?“ Damit wäre die Botschaft formuliert: Glück ist flüchtig.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Um diese Botschaft (Buch: Edda Leesch) in Bildern zu transportieren, hat sich der Regisseur Martin Enlen in seine Heimatstadt Oberursel im Taunus begeben. Die zwei Bühnen seiner Inszenierung sind das kubistisch-moderne Flachdachhaus der Familie Sanders sowie das kleine Zimmer im ersten Stock des Fünfzigerjahre-Einfamilienbaus der Nachbarsfamilie Blok.

          Die frisch eingezogenen Eheleute Sanders beginnen mit dem, auf was die Bloks zurückblicken – ein (glückliches) Leben in der Familie. Edda Leesch und Martin Enlen erzählen die Geschichte vom Ende her. Sie springen ohne große Effekte von einer Zeitebene zur anderen. Daran gewöhnt man sich schnell. Es ist Hermann Blok (Rainer Bock), der Eva Sanders (Petra Schmidt-Schaller) anruft, um ihr mitzuteilen, dass seine Frau gestorben ist. Er bittet sie, vorbeizukommen. „Ich muss mit Ihnen reden Frau Sanders, über Sylvia und Sie.“

          Und das tun sie, vom Nachmittag bis in die frühen Morgenstunden, kenntlich gemacht durch den Lichtwechsel in jenem Zimmer, in dem Bloks Frau Sylvia (Imogen Kogge) seit Ausbruch ihrer Krankheit ihr Dasein fristete. Nach der Diagnose – vermutlich ein Hirntumor, der Film geht nicht darauf ein – bricht die selbstbewusste Frau zusammen und lässt sich gehen. Erst als die Blutbuche vor ihrem Fenster, die ihrem Zimmer das Licht und die Sicht auf das Haus der Sanders nimmt, vom neuen Nachbarn versetzt wird, kann sich Sylvia Blok aus ihrer Lethargie reißen.

          Sie sieht, was nicht ist: Imogen Kogge als Sylvia Blok.

          Sie beobachtet und projiziert. All das, was sie in ihrem Leben nicht erreicht hat. So wird in einem ersten Abschnitt des Films erzählt, wie Sylvia Blok das Geschehen bei den Sanders aus der Enge ihres Zimmers heraus wahrnimmt. Dabei geht es nicht um die Extreme menschlicher Störanfälligkeit, wie sie in Hitchcocks „Fenster zum Hof“ eine Rolle spielen. Es sind die ganz banalen Fallstricke menschlicher Beziehungen. Sylvia Blok aber sieht, was sie sehen will. Die Zärtlichkeiten, Evas Arbeit als Kinderbuchautorin, das Sommerfest, die Suche ihres Mannes nach einem Ferienhaus. All das erzählt sie ihrem Mann, der glücklich ist, dass seine Frau wieder am Leben teilnimmt, sei es auch das einer anderen Familie. Im zweiten Abschnitt löst Eva all die Illusionen auf.

          Martin Enlen lässt sich dafür ausreichend Zeit. Doch so leicht der Erzählfluss trotz zeitlicher Verschränkungen dahinplätschert, so schwer wiegen all die Symbole des Niedergangs, die in einer langen Parade präsentiert werden: zerbrochene Teetassen, verpflanzte Bäume, die keine Wurzeln mehr schlagen, eine geliehene Axt, verblühte Hortensien. Sie tilgen die Möglichkeit, dem Ganzen eine tragikomische Note abzugewinnen. Zwar ist man als Zuschauer nicht zuletzt durch das zurückgenommene Spiel von Imogen Kogge durchaus bewegt. Doch auf Überhöhung darf keiner hoffen. Es geht schlicht den Bach runter. Lernt damit zu leben, lautet die Losung. Selbst wenn Petra Schmidt-Schaller am Schluss noch mal barfuß und einsam am Waldrand auf den Sonnenaufgang warten darf. Was nimmt man mit? Seid nicht zu übermütig; das Leben ist kein Ponyhof? „Niemand“, heißt es noch mal, rechne mit der vorübergehenden Natur des Glücks. Dank der Frequenz, mit der das deutsche Fernsehen dieser Art von Filmen huldigt, darf dies fast bezweifelt werden.

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