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TV-Krimi „Königswinkel“ : Im Allgäu ermittelt es sich besonders schön

  • -Aktualisiert am

Trau, schau, wem: Julia Bachleitner (Lavinia Wilson) kommt der neue Kollege Thomas Stark (Vladimir Burlakov) nicht ganz geheuer vor. Bild: ZDF / Jacqueline Krause-Burber

Noch ein Krimi? Die „Mordkommission Königswinkel“ fängt gut an, müsste aber nicht unbedingt in Serie gehen, es sei denn, das ZDF will der ARD auch in Oberschwaben unbedingt Konkurrenz machen.

          Auf dieses Sicherheitskonzept dürfte Bundesinnenminister Thomas de Maizière neidisch sein. Keine Kuhwiese bleibt im deutschen Fernsehen ohne eigenes Kommissariat, gerne sind es deren sogar zwei. So hat nun auch das ZDF das friedlich vor sich hin käsende Allgäu als Schauplatz des Verbrechens entdeckt, sei’s drum, dass hier längst ARD-Kauz Kluftinger Schurken erledigt. Immerhin verzichtet die recht apart besetzte Pilotfolge zur neuen ZDF-Reihe mit Regional-Atmo weitgehend auf das sonst so beliebte Dialekt-Gestotter. Einzig ein Bauer spricht Mundart: „I hob g’sogt: Bloibn’s weg!“ Außerdem darf uns der Mafia-Italiener in seinem Edelrestaurant „Ragazzi“, „Tavolo“ und „Spaghetti“ vorflöten, aber das kann der in Brixen geborene Peter Schorn dann wenigstens auch.

          Erwischt hat es einen Füssener Lokaljournalisten, der – wie immer, wenn Journalisten auftauchen – einer ganz großen Geschichte auf der Spur war, irgendwas mit der Mafia. Kommissarin Julia Bachleitner (Lavinia Wilson), die sich als Ehefrau des Landrats (Johannes Zirner) eine gewisse Extravaganz leisten kann, hat die Sache aufzuklären, und zwar gemeinsam mit den Kollegen Thomas Stark (Vladimir Burlakov) und Rainer Kessler (Frederic Linkemann). Diese Order kommt von Kommissariatsleiter Karl Bichler, eine Minirolle, in der Oliver Stokowski trotzdem eine gute Figur macht. Zum Glück hat der Journalist bei seinem Schwager, dem arg derangierten Bauern Breitkreuz (Thomas Unger) – der mit der Mundart –, einen USB-Stick mit brisanten Informationen hinterlegt. Hier hat auch die für Provinzkrimis unvermeidliche Film-Kuh ihren Auftritt. Sie macht das formidabel.

          Ziehen sie an einem Strang? Die Ermittler Thomas Stark (Vladimir Burlakov), Julia Bachleitner (Lavinia Wilson) und Karl Bichler (Oliver Stokowski, von links).

          Vom Allgäu sehen wir neben dem lieblichen Füssen einige Wiesen, Berge und das Flüsschen Lech, alles gern wolkenverhangen. Was diese Heimatfilm-Umsetzung oder den erzählten Fall angeht, handelt es sich allenfalls um einen Durchschnittskrimi (Regie Thomas Nennstiel, Kamera Reiner Lauter).

          Auf einer anderen, wenngleich nicht ganz neuartigen Ebene wird der Film dann doch noch interessant, denn alle Beteiligten scheinen ein falsches Spiel zu spielen. Thomas Stark, seit Schulzeiten eng befreundet („un amico“) mit erwähntem Italiener, wurde nur Stunden vor seinem Einsatz aus dem Gefängnis entlassen. Mehrere Jahre saß er ein für den Mord an einem Kollegen, der im mafiösen Umfeld des Schulfreunds ermittelt hatte. Sein spielsüchtiger, von Cornelius Obonya schön zwielichtig verkörperter Anwalt konnte Thomas allerdings wegen eines Verfahrensfehlers herauspauken. Im Kommissariat halten ihn alle bis auf Rainer für einen Mafia-Komplizen. Besonders ablehnend verhält sich Julia Bachleitner, bis sie erfährt, dass ihr Mann und der Polizeidirektor (Hannes Jaenicke), zwei windige Gesellen, die Zusammenarbeit arrangiert haben, damit sie Beweise für Thomas’ Schuld sammeln kann. Und tatsächlich macht der sich bald verdächtig, aber da ist er nicht der Einzige.

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          Der Schreibtischtäter hinter diesem Krimi ist einmal mehr Jürgen Werner, jener Drehbuch-Tausendsassa, der alles kann von „Um Himmels Willen“ bis zu besseren „Tatort“-Episoden. Im deutschen Fernsehen vergeht kaum eine Woche ohne Werner-Plot, da kann schon mal der Überblick verlorengehen.

          Vielleicht hat der Autor das Allgäu mit Südtirol verwechselt, denn seine Bozen-Krimi-Reihe weist erstaunliche Parallelen auf – vom Spaghetti-Mafiosi über mächtige Lokalpolitiker bis zum Verdacht gegen eigene Angehörige. Wo sich das Drehbuch davon unterscheidet, folgt es ungefähr der initialen Rahmenhandlung des vor zwei Jahren neu aufgelegten Berliner „Tatorts“ (Buch Stefan Kolditz), denn auch da sammelte die Kommissarin anfangs belastendes Material gegen ihren Kollegen Robert Karow, der in den Mord an einem Exkollegen verwickelt schien. Von der erzählerischen Rasanz und der visuellen Opulenz des Berlin-„Tatorts“ ist die aktuelle Nummer allerdings weit entfernt. Sie sticht allenfalls durch Allgäuer Dickschädeligkeit hervor, denn ein mit voller Wucht ausgeführter Axthieb aufs Oberstübchen führt hier nur zu kurzer Ohnmacht und leichten Kratzern.

          Die vom Sender gegenüber dieser Zeitung noch einmal betonte Formulierung, es handele sich um „eine angedachte Reihe“, hält die Möglichkeit des Rückzugs offen. Und für den gibt es einen guten Grund, denn das Hauptspannungsmoment dieser durchaus kurzweiligen Folge – Wer steht auf welcher Seite? – scheint am Ende trotz des Cliffhangers weitgehend aufgebraucht. Die Gefahr ist groß, dass diese Ausgangslage schlicht zu einer weiteren mediokren Regionalkrimiserie führt. Da halte man es mit dem Bauern: Bloibn’s weg! Die Kuh ist auch schon ausgebüxt.

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