https://www.faz.net/-gsb-88fq3

Dokumentarfilm : Als „Charlie Hebdo“ vor Gericht stand

„Charlie Hebdo“ macht weiter, braucht dafür aber die Unterstützung der freien Welt: Chefredakteur Gérard Biard. Bild: AFP

Es begann mit einem Mordanschlag: Das Attentat auf die französische Satirezeitschrift vom Januar dieses Jahres hatte ein Vorspiel. Dafür öffnet der Film „Der Fall Charlie Hebdo“ die Augen.

          4 Min.

          „Für mich sind sie Helden, die Gefahr ist eine sehr realistische“, sagt Elisabeth Badinter am Rande des Prozesses, zu dem sie als Zeugin geladen ist. „Schockiert“ ist sie über die Feigheit der Politiker und der Europäischen Union: „Es reicht.“ Die feministische Soziologin und Spezialistin der französischen Aufklärung geißelt das Schweigen als „Agonie der Freiheit“, deren „letzte Bastion“ es zu verteidigen gelte. Der Prozess, in dem ihre Aussage einen Höhepunkt darstellt, fand 2007 statt und ist Gegenstand eines Films, in dem auch die Angeklagten ausgiebig zu Wort kommen. Sie sind die Helden, von denen Elisabeth Badinter schon damals sprach. Sie wurden freigesprochen. Jetzt sind sie tot.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Das Attentat auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ war die unerbittliche Rache für den Freispruch und bewirkt, dass man den Dokumentarfilm vor dem Hintergrund dieser „Fortsetzung“ betrachtet. Und die vielen Aussagen, die er enthält, nach dieser tragischen Zuspitzung beurteilt, die für die meisten unvorstellbar war, von einigen befürchtet und von anderen fast schon ein bisschen angedroht wurde. Die Verhandlungen im Gerichtssaal durfte Daniel Leconte nicht filmen. Er beobachtete mit seiner Kamera das Geschehen in der Wandelhalle – auch der unvermeidliche Provokateur Dieudonné stellte sich ein – und interviewte die geladenen Experten und die Anwälte der Anklage wie der Verteidigung. Herausgeber von „Charlie Hebdo“ war damals Philippe Val.

          Stoppt die Druckmaschinen!

          Auch die Vorgeschichte des Films, die der Autor Leconte kurz dokumentiert, begann mit einem Mordanschlag. Der Mohammed-Karikaturen-Wettbewerb der dänischen Zeitung „Jyllands-Posten“ war eine Reaktion auf die Ermordung des niederländischen Filmemachers Theo van Gogh, dem ein Islamist auf offener Straße die Kehle durchgeschnitten hatte. Nach der Publikation kam es zu schweren Ausschreitungen in der islamischen Welt. Vor „Charlie Hebdo“ druckten in Frankreich die Zeitung „France-Soir“ - deren Chefredakteur umgehend entlassen wurde – und das Nachrichtenmagazin „L’Express“ die Karikaturen nach. Dessen damaliger Chefredakteur Denis Jeambar erzählt von einem Telefongespräch mit dem Eigentümer Serge Dassault, der Jeambar befahl, die Druckmaschinen zu stoppen. Dassault fürchtete um seine Waffen- und Flugzeuglieferungen an die islamischen Länder, sein Besuch in Saudi-Arabien im Tross von Präsident Chirac stand gerade auf dem Programm.

          Als Jeambar das alles vor dem Gericht erzählte, verließen reihenweise Journalisten den Saal, um ihre Redaktion zu informieren – offensichtlich konnte sich keine zur Veröffentlichung entschließen. Im Film formuliert Jeambar seine große Verwunderung über das Ausbleiben jeglicher publizistischer Reaktion. Dassault, dem die Tageszeitung „Le Figaro“ gehört, verkaufte kurz darauf das Magazin.

          Das Solidaritätsbekenntnis erreicht die Sekretärin

          Warum „Charlie Hebdo“ als Angriffsziel mit einer im Vergleich zu „L’Express“ geradezu vertraulichen Auflage? Der Film stellt die Frage und beantwortet sie auf Umwegen. Mit einem mächtigen Nachrichtenmagazin wollte die Pariser Moschee keinen Streit vom Zaun brechen. Der Eigentümer von „France-Soir“ hatte Wurzeln in der arabischen Welt. Der Ankläger Dalil Boubakeur, Rektor der Moschee, macht im Film eine ausnehmend schlechte Figur – wozu man allerdings festhalten muss, dass „Der Fall Charlie Hebdo“ von einem engen Vertrauten Philippe Vals gedreht wurde. Im Gespräch mit dem Herausgeber sucht Boubakeur nach flüchtigen Ausreden zu einem geplatzten Treffen und will nicht für die Klage gegen „Charlie Hebdo“ verantwortlich sein. Schließlich wird er vor laufenden Kameras von seinen eigenen Leibwächtern weggeführt.

          Auch der damalige Generalsekretär der Sozialisten, François Hollande, kommt zum Prozess. Über eine SMS-Textnachricht von Ségolène Royal kann sich Philippe Val nur höhnisch äußern. Die Ehre der Politiker rettet Nicolas Sarkozy, der damals Innenminister war und ein Schreiben der Solidarität per Fax in die Redaktion schickte, in der nur noch eine Sekretärin die Stellung hielt. Sie brachte den Brief in den Gerichtssaal, wo ihn einer der Anwälte von „Charlie Hebdo“ vorlesen konnte.

          Prozessausgang ungewiss

          Claude Lanzmann erläutert, warum die Mohammed-Karikaturen nicht mit den antisemitischen Illustrationen der dreißiger Jahre verglichen werden können. Beeindruckend sind die Auftritte von Muslimen, die für die Freiheit von „Charlie Hebdo“ plädieren und dem Islam eine große Gewaltbereitschaft bescheinigen: Auch mit Atomwaffen würde Allahs Prophet heute für die Bekehrung und Unterwerfung der Welt kämpfen. Weniger Glück haben die Ankläger mit einem antisemitischen Pater als Kronzeugen, der den verbotenen Hetzsender „Al Manar“ der Hizbullah lobt und für ihn die gleiche Freiheit fordert, die „Charlie Hebdo“ für sich beanspruche.

          Der Film lebt vom Reigen der Persönlichkeiten, die für und gegen die Zeitschrift in den Zeugenstand traten. Der Ausgang des Prozesses stand keinesfalls von vornherein fest, die Zweifel der Angeklagten waren gewaltig. Aber nicht weniger imponierend sind ihre Überzeugung und ihre Kampfbereitschaft. Sie hatten die besseren Argumente und die brillanteren Intellektuellen auf ihrer Seite. Charb, der Chefredakteur von „Charlie Hebdo“, der bei dem islamistischen Attentat vom 7. Januar dieses Jahres starb, erzählt im Film mit viel Selbstironie, dass er alle seine bisherigen Prozesse verloren habe. Während er und seine Kollegen noch auf das Urteil warteten, das einen Monat später veröffentlicht wurde, trafen Morddrohungen ein. Ein Brandanschlag auf die Redaktion ging noch relativ glimpflich aus. Dann folgte der Massenmord zu Beginn dieses Jahres.

          „Der Fall Charlie Hebdo“ von Daniel Leconte dauert 102 Minuten und kam 2008 in die französischen Kinos. In Cannes war er für die Goldene Palme im Rennen. Doch ein großer Publikumserfolg wurde er nicht. 50.000 Besucher haben ihn damals gesehen. Das Attentat im Januar beschert ihm ein zweites Leben. Er wurde abermals auf die Spielpläne gesetzt und in die halbe Welt verkauft. Phoenix zeigt ihn am Donnerstag zum zehnten Jahrestag der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in „Jyllands-Posten“. Es ist die deutsche Erstausstrahlung, man sollte sie nicht verpassen.

          Die Angst bleibt: Wie es mit „Charlie Hebdo“ weitergeht

          Neun Monate nach dem Terroranschlag auf das französische Satiremagazin "Charlie Hebdo" hat die verbliebene Redaktion mit dem Umzug aus ihrer provisorischen Bleibe in ein Hochsicherheitsbüro im Süden von Paris begonnen. Die Redakteure und Zeichner hätten am Dienstag ihre vorübergehenden Räume im Redaktionsgebäude der Zeitung "Libération" verlassen, verlautete aus dem Kollegenkreis. Die "Libération"-Belegschaft hatte die "Charlie Hebdo"-Macher nach der Attacke am 7. Januar bei sich aufgenommen.

          Die Brüder Said und Cherif Kouachi hatten bei dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" zwölf Menschen getötet, darunter einen Polizisten. Der Islamist Amédy Coulibaly tötete in den beiden folgenden Tagen fünf weitere Menschen.

          Die bissige Zeitschrift hat sich trotz großer öffentlicher Unterstützung nicht von dem Anschlag erholt. Vor einer Woche kündigte ihr Zeichner Luz an, die Redaktion zu verlassen. Am vergangenen Samstag kündigte auch der Kolumnist Patrick Pelloux an, nicht weiter für "Charlie Hebdo" zu schreiben, weil er "nicht länger den Mut" dazu habe.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Franziska Giffey: Möchte die Berliner mit dem Thema Innere Sicherheit überzeugen.

          Parteitag der Berliner SPD : Giffey will es wissen

          Auf dem ersten hybriden Parteitag der Berliner SPD wirbt die Bundesfamilienministerin für ihre Führungsrolle in der Hauptstadt. Zu ihrer Doktorarbeit sagt sie nichts. Nun kommt es darauf an, wie stark ihre Partei sie machen will.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.