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TV-Kritik: Maischberger : Die Täter haben keine Angst

  • -Aktualisiert am

Sandra Maischberger und ihre Gäste Bild: WDR/Max Kohr

Sandra Maischberger spricht mit ihren Gästen über Sexualstraftäter, die über das Internet zu Kindern Kontakt aufnehmen. Der Ertrag der Diskussion ist gering. Am Ende gibt es lediglich eine Empfehlung.

          Um den Tatbestand des „Cybergroomings“ – die „onlinebasierte Anbahnung des sexuellen Missbrauchs eines Kindes“ – ging es in dem Fernsehfilm „Das weiße Kaninchen“ zuvor. Nun diskutiert die Talkrunde bei „Maischberger“ seine Beklemmung gleich anschließend so Elternnerven-beunruhigend wie Schubladen-sortierend weg.

          Devid Striesow spielt in dem Film mit großer Überzeugungskraft den Täter, der sich im Internet als Jugendlicher ausgibt und der zu einer behüteten Dreizehnjährigen eine Chatfreundschaft aufbaut. Er ist Mitte Vierzig, Familienvater, Vertrauenslehrer, als Medienpädagoge Wolf im Schafspelz - und gewaltbereiter Pädophiler. „Tatort Internet“ titelt „Maischberger“ dementsprechend, und „Ein Spielplatz für Verbrecher?“

          Stichworte werden reihum in die Hand gegeben

          Kein Thema also, bei dem sich die Experten kontrovers die Köpfe heißreden müssten und eine Moderatorin im Wortsinn gefordert wäre, sondern eins, bei dem man sich die Stichworte reihum in die Hand gibt und gegenseitig Wissen ergänzt. Aufs Stichworte geben beschränkt sich Sandra Maischberger hier eine ganze Stunde lang, mehr als gesprochene Überleitungen sind wohl nicht erforderlich, um das Problem, vor dem Eltern größtenteils hilf- und verständnislos stehen, plastisch zu machen.

          „Dieser Film wirft Fragen auf“, sagte Maischberger. Das ist richtig, aber daraus resultiert doch noch nicht automatisch ein Duktus, wie er diese Runde bestimmt – so zu tun, als müsste man insbesondere völlig naiven Eltern zum allerersten Mal erklären, wie pubertierende Jugendliche ticken und womit sie es Tätern leicht machen, ihr Vertrauen zu gewinnen. Es mag sein, dass Eltern die Grundregeln solcher Verbrechensanbahnung nicht gänzlich überschauen. Dass aber das reine Internetverbot und das Konfiszieren von Laptops und Smartphones allein dem Problem nicht Herr wird, mag sich hie und da schon herumgesprochen haben.

          Aber so funktionieren Talkrunden wie bei „Maischberger“ eben. Die Zuschauer sind genau dort abzuholen, wo man den uninformiertesten vermutet. Dazu braucht es in der Besetzung der Runde zunächst eine Person, die den idealtypisch Aufzuklärenden verkörpert. Hier spielt die Rolle Yvonne Willicks, vorgestellt als „ARD-Moderatorin und Mutter von drei Kindern“, die aber der Pubertät längst entwachsen sind. Frau Willicks beschreibt die weit zurückliegenden häuslichen Maßnahmen zum Schutz der heranwachsenden Kinder vor den Gefahren des Internet. Ihr Rezept: Immer über die Schulter gucken, Verträge mit den Kindern aushandeln, darüber im Gespräch bleiben. In etwa das, was Medienpädagogen empfehlen. Gleichwohl der Befund einer „viel zu großen Sorglosigkeit“.

          Als „Jägerin der Täter“ präsentiert wird Beate Krafft-Schöning, neben dem Kriminologen Thomas-Gabriel Rüdiger die Person, die das Geschehen und die dreiste Sorglosigkeit der Kinderschänder, die im Netz unterwegs sind, als Sachverständige bewertet. Den drastischen Film finden beide „absolut realistisch“, auch die Vorstellung, dass ein Täter als Vertrauenslehrer arbeitet. Diese „suchten solche Berufe“. Jungen und Mädchen, so die Information, seien beide betroffen. Die Zahl der Anzeigen sei in den letzten fünf Jahren um fast 300% gestiegen, die Dunkelziffer sei hoch.

          Verblüffend einfach und rundheraus nachvollziehbar der Grund, warum sich belästigte oder missbrauchte Kinder so selten ihren Eltern anvertrauen: Sie haben schlicht Angst, dass ihnen ihr WLAN genommen wird. Dass sich zwischen dem Erfahrungshorizont heute aufwachsender Kinder und Jugendlicher und ihrer verständnisvoll sich gebenden Elterngeneration Abgründe auftun, wird von der Runde nicht weiter vertieft. Stattdessen blickt man insgesamt – zumindest im übertragenen Sinne – entsetzt und stumm im Kreis der Diskutanten herum. Ein erstes Fazit: Jede Familie kann es treffen, man kann alles richtig machen und doch nichts dagegen tun, dass das eigene Kind Opfer wird.

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