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TV-Kritik: Maischberger : Die Täter haben keine Angst

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2000 Fälle wurden im letzten Jahr zur Anzeige gebracht – Tendenz steigend. Der Kriminologe alarmiert. Mittlerweile werden viele der Täter immer jünger, dabei ist bereits der Kontakt eines Kindes mit einem Erwachsenen, der sich als ein anderer ausgibt, offenbar strafbar. Da „Maischberger“ dem fiktionalen Spielfilm keine ausreichende Überzeugungskraft zutraut, wird der Runde zusätzlich ein echter Fall präsentiert.

Die Erkenntnis, dass Verbote nichts nützen

Vor drei Jahren verschwand die dreizehnjährige Freiburger Schülerin Maria mit ihrer Internetbekanntschaft, einem polizeibekannten Dreiundfünfzigjährigen. Die Mutter, Monika Beisler, trat inzwischen bei „Aktenzeichen XY… ungelöst“ auf und schildert nun den immer noch ungelösten Fall. Sie vermittelt glaubhaft die Schwierigkeiten, an manipulativ beeinflusste Jugendliche, die sich durch die Beziehung zu einem Älteren ausgezeichnet fühlen, heranzukommen. „Schuldgefühle“ trieben sie um, und die Erkenntnis, dass Verbote nichts nützten. Aber was dann?

Informiert sein, so eine Antwort der Talksendung. Der Kriminologe offeriert basisaufklärerisch eine Typologie der Täter und ihrer Neigungen. „Redaktionspraktikantin Leonie“ ist erst in einem Einspieler und dann im Studio anwesend, um ihre Chat-Erlebnisse als vorgeblich Vierzehnjährige zu schildern. Sexuell gefärbte Kontaktanfragen und Aufforderungen bekam sie nach Sekunden. Als Fünfzehnjährige, so Leonie, habe man ihr unaufgefordert Penisbilder geschickt. Fand sie eklig, aber nicht weiter verfolgenswert. Das müsste den Kriminologen Rüdiger eigentlich in Rage bringen, bestätigt aber nur dessen Befund: Die Täter haben gar keine Angst, weil viele das Internet nach wie vor als fast rechtsfreien Raum ansehen. Aber wie soll das gehen, „Sicherheit im Netz herstellen“? Die Gäste bleiben vage, die Moderatorin hakt nicht nach.

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Abschließend verhandelt wird der vom Betroffenen im Studio eher humoristisch präsentierte Fall einer sexuellen Erpressung über Facebook. Arne Völker, der Mann, dem eine junge Frau dort erst eine Freundschaftsanfrage schickte, dann per Skype erotische Videos austauschen wollte, wobei sie ihres schuldig blieb und ihn mit der Androhung einer Veröffentlichung erpresste, ging an die Öffentlichkeit. Seine Geschichte und seine souveräne Offenheit mögen erstaunlich wirken und uns in Zukunft beim Gebrauch sozialer Medien eventuell noch vorsichtiger werden lassen – zum Themenkomplex „Cybergrooming“ trägt der eher kurios wirkende Fall des Mannes wenig bei. Dass es „normal geworden ist, Sexualität auch im Netz zu leben“, ist das lakonische Fazit dieses Exkurses in die Internetwelt der Erwachsenen.

Diese Maischberger-Ausgabe ging vielleicht mehr in die Tiefe als üblich. Man hat jedoch wenig erfahren, was man nicht zumindest schon einmal gehört hat, oder, wie im Fall der verschwundenen Maria, ausgiebig in der Boulevard-Presse lesen konnte. Zu mehr konkreten Empfehlungen können sich die Anwesenden nicht durchringen. Der einzige Tipp: Jeden Fall von „Cybergrooming“ konsequent anzeigen.

Für das Vorstellungsvermögen und die Aufmerksamkeit der Eltern hat der Spielfilm „Das weiße Kaninchen“ da wohl mehr getan. Nicht immer sind Einordnung und Zusatzaufklärung probate Mittel, um die Wirkung eines engagierten Films zu verstärken. „Maischberger – Tatort Internet“ ist dafür ein Beispiel.

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