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TV-Kritik: Maischberger : Religion und „Sexual-Druck“

Dann – endlich, endlich – durfte einmal laut gesagt werden, was weite Teile unserer Gesellschaft offenbar denken, als wir den Niedergang unseres Landes beweinen durften, das sich wegen der inzuchtbedingten Minderintelligenz der Kopftuchmädchen abschafft. Mittlerweile bekommt die kollektive Pathologisierung und Kriminalisierung der Muslime nicht mehr den gesellschaftlichen Abscheu, den eine solche Ausgrenzung von ganzen Bevölkerungsgruppen allein aufgrund ihrer Herkunft oder ihres Glaubens in einer aufgeklärten Gesellschaft eigentlich verdient.

Nein, ein solcher Rassismus bekommt mittlerweile den besten Sendeplatz im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und heftet sich – es wird endlich abgerechnet – das Prädikat einer harten aber fairen Debatte ans Revers.“

Damit war Frank Plasbergs Sendung „hart aber fair“ gemeint.

Am 11. Januar notiert murat-kayman.de:

„Nach den Ereignissen der Silvesternacht in Köln und anderswo muss man leider konstatieren: wir sind nicht überrascht. Die Reaktionen auf die verübten Straftaten fallen – leider – nicht aus dem Rahmen des Erwarteten. Zeitungen und „Nachrichtenmagazine“, die ihr Motto wohl bald in „Hetze, Hetze, Hetze“ umwidmen werden, machen mit sexistischen und rassistischen Titelseiten auf. Damit wird die unterschwellige Phantasterei von gefährlicher, überwältigender Omnipotenz des Fremden befördert. Was „der Muslim“ über seinen vermeintlichen „Geburtendschihad“ als Projekt der demographischen Landnahme betreibt, flankiert er nun auch mit der Übergriffigkeit auf „unsere Frauen“. Und unsere Medien machen sich auch noch freiwillig zum Instrument dieser rassistischen Pöbelei. Mal wieder gilt: Auflage vor Anstand. Man kann froh sein, dass auf Titelseiten keine Kreuze brannten. Wir können aber noch nicht sicher sein, ob es nicht bald Berichte über Muslime geben wird, die vermeintlich Brunnen vergiften.“

Ein Zitat, ein O-Ton von murat-kayman.de, hätte bei Sandra Maischberger vielleicht einiges verdeutlicht.

Der Koran als Vaterersatz

Zu dem Trauerspiel in 75 Minuten trägt freilich auch bei, dass die zweite muslimische Stimme erst nach rund einer halben Stunde zu hören ist. Es ist die des Konvertiten Dominic Musa Schmitz; eines jungen Mannes, der einmal Katholik war, dann bei den Salafisten landete und heute ein ebensolcher aufgeklärter, toleranter, kritischer und zugleich tief religiöser Muslim ist, über den im Fernsehen so oft nur geredet wird, aber nicht mit ihm.

Dominic Musa Schmitz hält den Salafismus heute für eine faschistische Ideologie.

Den Salafismus hält Dominic Musa Schmitz heute für eine faschistische Ideologie. Kennengelernt hat er die radikale Ausprägung der Religion als reine Lehre: „Das war für mich der Islam“, sagt er, der ihm „Richtig und Falsch vorgegeben“ habe . Das war genau das, was er suchte. Der Koran war ihm eine „Art Vaterersatz“.

Doch dann habe er begriffen, dass dem Menschen durch diese Ideologie eigenständiges „Denken, Handeln und Fühlen“ abgenommen werde. Man beurteile alles „nur anhand eines Dogmas“. Doch was brachte ihn dazu? Die Suche nach Geborgenheit, nach einer Familie. „Mir hat einfach Liebe gefehlt“, sagt Dominic Musa Schmitz. Irgendwann sei er sogar durch Möbelhäuser gelaufen und habe sich in Gedanken das Heim für seine eigene Familie zusammenfantasiert. Dann wurde er mit einer jungen Frau verheiratet, die er gar nicht kannte.

So einfach ist das. So einfach und ergreifend und so vielsagend, wenn man erkennen will, worüber alle in diesem Land, worüber insbesondere die Politik, die demokratischen Parteien, die Kirchen und ganz besonders intensiv die muslimischen Gemeinden (und eben nicht nur die Erdogan-Ditib) nachdenken müssen, wenn sie verhindern wollen, dass ein Großteil der vielen jungen Männer aus muslimischen Ländern, die seit dem vergangenen September in die Bundesrepublik gekommen sind, bei denen landet, die Dominic Musa Schmitz als Siebzehnjährigen eingefangen haben. Derselbe Dominic Musa Schmitz, der sich vom Salafismus lossagte, fordert heute, dass Muslime aus eigenem Antrieb heraus den ersten Schritt auf die Gesellschaft zu, in die Gesellschaft hinein gehen, und dass in den Moscheen in Deutschland auch selbstverständlich auf deutsch gepredigt wird – damit das vor allem die Jungen verstehen.

Murat Kayman sagt dazu so etwas wie: Wir arbeiten dran.

Noch Fragen? Ja, einige. Aber die werden wohl kaum bei Sandra Maischberger beantwortet.

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