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TV-Kritik: Maischberger : Religion und „Sexual-Druck“

Mehr noch als Simone Peter ist dafür freilich Murat Kayman von dem von der Türkei finanzierten Religionsverband Ditib zuständig. Er dreht den Spieß um und schickt allem, was da noch kommen mag, eine Grundsatzbemerkung voraus, an der schon zu erkennen ist, dass er nichts von dem, was Samuel Schirmbeck an diesem Abend sagen wird, gelten lässt, und das, was Alice Schwarzer zu sagen hat, selbstverständlich auch nicht. Wir seien im Verhältnis zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen in diesem Land in den vergangenen Jahrzehnten nicht vorangekommen, sagt Kayman, wir hätten „mehr Islamexperten als Muslime“, betrachteten das Verhalten der überwiegenden Mehrheit der Muslime nicht, in den Talkshows gebe es immer nur „Ankläger und Pflichtverteidiger“, das gemeinsame Merkmal der Täter von Köln sei allein, „dass sie Kriminelle sind“. Diese gäben „kein Exempel für muslimisches Verhalten“, allenfalls seien soziale Umstände der Grund für diese Straftaten.

Dem ARD-Journalisten Schirmbeck hält Kayman im Laufe der Debatte vor, er argumentiere „nahe an biologistischen Argumenten“ - womit der Ditib-Vertreter die brutalstmögliche Verunglimpfung des Abends vom Stapel lässt.

Alice Schwarzer hält dagegen

Alice Schwarzer versucht dem tapfer entgegenzutreten, indem sie sich – wie Schirmbeck – vor eben jenen Verallgemeinerungen hütet, die Kayman ihnen anlastet. Doch leider gelingt es ihr nicht einmal zu verdeutlichen, was sie – auch in dem Buch, das sie gerade geschrieben hat – mit dem „Scharia-Islam“ meint, vor dem sie warnt und als dessen Wortführer sie auch die Ditib versteht.

Deren Vertreter redeten im Übrigen, sagt Alice Schwarzer, wenn sie unter sich seien, ganz anders als bei Auftritten in Talkshows. Das wiederum hält Murat Kayman für eine perfide Unterstellung.

Als Alice Schwarzer dafür ein Beispiel nennen will – mit der Art und Weise, in der Kayman nach den sexuellen Angriffen auf einen Zeitungsbeitrag der Publizistin, Psychotherapeutin und ehemaligen SPD-Politikerin Lale Akgün reagiert hat, würgt Sandra Maischberger den Exkurs ab.

Schlagen wir nach bei Murat Kayman

Dabei wäre gerade dieses Beispiel interessant und hätte Murat Kayman aus der Reserve locken müssen. Denn wenn es sich bei dem Murat Kayman, der bei Maischberger sitzt, um denselben handelt, der seit Januar unter murat-kayman.de im Netz publiziert, hätte man ihm den Eintrag vorhalten können, der sich dort mit Datum vom 7. Januar unter der (geschmacklosen) Rigoletto-Überschrift „La donna è mobile“ (Die Frau ist launisch) findet und Passagen wie die folgenden enthält:

„Wir driften zusehend in ein gesellschaftliches Klima der rassistischen Stigmatisierung. Die öffentliche Diskussion über die Ereignisse in Köln wird zur nächsten Eskalationsstufe in der Desensibilisierung für unser Verständnis einer demokratischen Gesellschaft. Wir müssen uns die Entwicklungslinie der antimuslimischen Debatte noch einmal vor Augen führen, um erfassen zu können, an welchem Punkt wir angelangt sind. Wir haben begonnen bei einer kulturellen Negativmarkierung der Knoblauchfresser und Kümmel-Türken während der Gastarbeitermigration. Danach wollten wir unbedingt im Zuge der Diskussionen um die doppelte Staatsangehörigkeit 'gegen Türken unterschreiben'. Zwischendurch verbrannten türkischstämmige Frauen und Kinder in Mölln und Solingen – der Preis der 'Asylantenflut'-Hysterie nach der Wiedervereinigung. (...)

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