https://www.faz.net/-gsb-8i0fl

TV-Kritik: Maischberger : Chemische Vergiftung zum Ruhme des Vaterlandes

Streitthema Doping bei Sandra Maischberger Bild: WDR

Wird der russische Sport im Auftrag des Kreml verseucht? Darüber entbrannte in der Talkshow von Sandra Maischberger ein hartnäckiger Streit. Doch auch außerhalb Russlands hat das Doping-System zu viele Gewinner.

          4 Min.

          „Es schwebte viel Wahrheit im Raum.“ Das sagte der Mainzer Mediziner und Doping-Forscher Professor Perikles Simon in die Runde von Sandra Maischberger am Mittwochabend. War das ein Kompliment an die Beteiligten der Debatte oder vielleicht doch nur ein freundlicher Hinweis auf das Chaos in der Diskutierrunde zum Thema „Gedopt, gelogen, gewonnen – wie kaputt ist der Sport?“

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Die Fragestellung ließ keine differenzierte Antwort zu. Kaputt ist doch kaputt, zerstört, aus und vorbei. Aber so weit kam die Diskussion über die Geißel des Sports nicht. Sie blieb viel zu lange haften an dem hartnäckigen Streit mit dem russischen Journalisten Ivan Rodionow, ob nun der russische Sport im Auftrag des Kreml verseucht worden ist, wie es manche Fakten der ARD-Dokumentation des Fernseh-Journalisten Hajo Seppelt nahelegen oder allein ein Übel medaillengeiler, unkontrollierbarer Funktionäre und  Trainer ist.

          Vergiftung zum Ruhme des Vaterlandes

          Den gedopten Athleten wird das irgendwann egal sein, wenn sie spüren, dass Medaillen zwei Seiten haben. Die glänzende und die dunkle. Nach  Lorbeer in Jugendzeiten haben ehemalige Sportler des DDR-Zwangs-Dopings viel zu früh einen Kranz bekommen mit schwarzer Schleife – als letzten Gruß nach einem Leben mit den fürchterlichen Nebenwirkungen einer chemischen Vergiftung zum Ruhme des Vaterlandes.

          Als Goldkinder hofiert, als schwerkranke Erwachsene vergessen. So ein Schicksal droht nun, 26 Jahre nach dem Ende der DDR, auch russischen Sportlern. Und womöglich kenianischen, weißrussischen, amerikanischen, spanischen, bulgarischen, türkischen. Die Nennung ist beliebig. Doping kennt keine Grenzen. Gedopt wird überall, vielleicht mit unterschiedlicher Intensität, vielleicht hier und da mit mehr oder weniger subtilem Druck von Regierungen. Die Sauberkeit schlechthin lässt sich nicht lokalisieren. Auch Deutschland ist kein Ort der Unschuldigen. Innenminister Thomas de Maizière forderte schon im vergangenen Jahr ein Drittel mehr Medaillen von den Olympiateams der Zukunft – gilt nicht für Sommerspiele demnächst in Rio! -,  obwohl die Aufrüstung an der Doping-Front nicht nachgelassen hat, im Gegenteil.

          Der Abstand zwischen Jägern und Dopern wird nicht immer geringer,  wie es der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Michael Vesper, vehement behauptete. Aber was sollte er auch sagen? Dass der Kampf verloren ist? Dann kann er sein Amt aufgeben und die Leistungssportfraktion des DOSB zuschließen. Darum geht es in Wirklichkeit. Nicht um Vespers Job. Aber um die Existenzsicherung eines Leistungssportsystems durch die Funktionärskamarilla. Damit sind nicht die Abertausenden Ehrenamtlichen in den Vereinen gemeint, sondern die großen Player, die beim Thema Doping nur auf Druck reagieren, seit Jahrzehnten.

          Sporadisch arbeitete sich die Runde mit klugen Einwürfen immer wieder zum Kern des Problems vor. Aber Sandra Maischberger verpasste die Gelegenheiten, die teils angesprochene Abhängigkeit des Spitzensports von der Manipulation in den Mittelpunkt zu rücken und die wesentlichen Streitpositionen unter den Gästen herauszuarbeiten: Athleten, Trainer, Funktionäre, Verbände, Medien, ja auch Staaten, alle profitieren direkt oder indirekt am Doping im Moment des Erfolges. Kann es also ein originäres Interesse des Sports geben, sich davon zu befreien? Seine führenden Funktionäre propagieren „Null Toleranz“.  Sie haben ein Kontroll-System aufgebaut mit einem täglichen Überwachungsstandard von Topathleten, das in der Welt außerhalb des offenen Strafvollzuges seines gleichen sucht. Nur funktioniert es leider nicht überall, hier vielleicht gut, dort mäßig, andernorts gar nicht.

          Doping-Quote bei 29 Prozent?

          Simon rechnet jedem so bereitwillig wie plausibel vor, wie skeptisch man den Kontrollerfolgen im Promillebereich gegenüber stehen muss. Die Zahl ist geringer als die Zahl der falsch positiven Test, die laut Statistik auftauchen müssten. Und das liegt nicht allein an Staats-Dopern oder an Potentaten mit Vertuschungsenergie. Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung in Ihrer Donnerstagsausgabe berichtet, hätte just die Welt-Anti-Doping-Agentur den kolportierten Manipulations-Skandal bei den Winterspielen von Sotschi 2014 verhindern können. Mehr als 100 gedopte Russen sollen trickreich um eine positive Probe herumgekommen sein.

          Wenn aber die Zentralinstitution des Weltsports für den sauberen Sport nicht in der Lage oder willens war, auf massive Hinweis hin einzuschreiten, was heißt das dann für die Gesamtlage des Spitzensports vor dem größten Sportfest in Rio? Doch schon kaputt vor lauter Rücksicht auf die Erhaltung eines ausgehöhlten Gebildes?  Simon sieht das so. Er hat mit wissenschaftlich abgesicherten Befragungsmethoden eine Doping-Quote etwa unter Leichtathleten auf WM-Niveau herausgearbeitet, die über 29 Prozent liegt. Der Internationale Leichtathletik-Verband verweigert die Veröffentlichung der Arbeit.

          Mit etwas mehr Redezeit hätte Ines Geipel wohl ausführlich erläutern können, welche Konsequenzen gezogen werden müssten aus dem Dilemma. Die ehemalige Sprinterin, die auf die Aberkennung ihres unter Doping gelaufenen Weltrekordes dringen musste, leitet den Doping-Opfer-Hilfe-Verein. Sie sieht und hört täglich, was der auf rücksichtslose Leistungssteigerung ausgerichtete Spitzensport aus hoffnungsvollen, begeisterten, begabten Kindern gemacht hat. Wracks. Auf der Suche nach einer Entkoppelung von der „Rekord-Scheiße“ und der „Verzweckung“ appelliert sie für eine Hinwendung zu den wahren Werten des Sports wie eine freie  Persönlichkeitsentfaltung, Talententwicklung ohne Medaillenaufrechnung.

          Schluckkultur im Fußball

          Dabei stößt die Schriftstellerin immer wieder auf den massiven Widerstand des DOSB mit Vesper an der Spitze. Er weigert sich, dort anzusetzen, wo eine Reform beginnen müsste: Mit einer weiteren finanziellen Beteiligung an der Hilfe für die nächste Generation Doping-Opfer. Weil erst ihre substantielle Anerkennung das Ende eines Leistungssportverständnisses einleiten kann, das zwar nicht kaputt zu kriegen ist, aber junge Menschen kaputt machen kann. Bis heute. Vor diesem Hintergrund mutete die ewige Frage nach Freigabe von Doping-Mitteln grotesk an. Da prasselte es überzeugende Gegenargumente von allen Seiten. Die wesentlichen wurden nicht genannte: Ärzten bliebe die Vergabe – selbst nach Rücknahme des Anti-Doping-Gesetzes – auch standesrechtlich untersagt. Und Minderjährige dürften ohnehin keinen Stoff bekommen, selbst wenn der ein paar Monate ältere, volljährige Gegner schon fleißig Anabolika einwerfen dürfte vor dem gemeinsamen Wettkampf. Die Folgen? Noch mehr Chaos, Kranke, Tote.  

          Den Fußball würde das alles wohl nicht tangieren. Diesen Eindruck erweckte Peter Neururer, der ehemalige Profi und Bundesliga Trainer. Er wurde bei Maischberger als einer der ersten Doping-Enthüller im deutschen Fußball vorgestellt, weil er 2007 über Aufputschmittel in den achtziger Jahren berichtete. Das war genau zwei Dekaden, nachdem der damalige  Nationaltorwart Toni Schumacher in seinem Buch „Anpfiff“ (1987) detailliert über das Stoffprogramm in Deutschlands Eliteliga berichtet hatte – inklusive einer Schluckkultur in der Nationalmannschaft.  Nach Schumacher gekommen, aber auf dem Level stehen geblieben: Neururer hat seit seiner Selbsterfahrung nie wieder was erfahren zum Thema in seinem Wirkungsbereich. Das könnte an ihm liegen oder am geringen Interesse des Fußballs, genauer hinzuschauen. In wenigstens einer aktuellen, wissenschaftlichen Untersuchung wird eine Doping-Quote in der Bundesliga vorgerechnet, die weit höher sein soll als angenommen. Aber wer schaut schon gerne hinter die Kulissen, wenn das Schauspiel fasziniert?  „Herr Neururer“, fragte Maischberger zum Schluss einer wichtigen, aber ziellosen Debatte über die Verwahrlosung des Sports: „Wer wird denn Europameister?“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          „Ich soll innerhalb von einer Stunde Stellung nehmen. Ich habe Besseres zu tun“, schrieb Drosten über die Anfrage der „Bild“

          „Bild“ gegen Drosten : Die versuchte Vernichtung

          Die Kampagne der „Bild“-Zeitung gegen den Virologen Christian Drosten legt vor allem eines offen: Das Desinteresse vieler an den Fakten für eine angemessene Pandemie-Politik.
          Haben verschiedene Vorstellungen vom „Wiederaufbau“: Angela Merkel und Sebastian Kurz

          Österreichischer Bankchef : Lob für Merkel, Kritik an Kurz

          „Einen wirklich großartigen Plan“ nennt der Chef der größten österreichischen Bank den Vorschlag, die EU solle gemeinsame Schulden machen und das Geld als Zuschüsse an Krisenstaaten vergeben. Bernhard Spalt geht damit auf Konfrontation zu Kanzler Kurz.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.