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TV-Kritik: Maischberger : Chemische Vergiftung zum Ruhme des Vaterlandes

Streitthema Doping bei Sandra Maischberger Bild: WDR

Wird der russische Sport im Auftrag des Kreml verseucht? Darüber entbrannte in der Talkshow von Sandra Maischberger ein hartnäckiger Streit. Doch auch außerhalb Russlands hat das Doping-System zu viele Gewinner.

          „Es schwebte viel Wahrheit im Raum.“ Das sagte der Mainzer Mediziner und Doping-Forscher Professor Perikles Simon in die Runde von Sandra Maischberger am Mittwochabend. War das ein Kompliment an die Beteiligten der Debatte oder vielleicht doch nur ein freundlicher Hinweis auf das Chaos in der Diskutierrunde zum Thema „Gedopt, gelogen, gewonnen – wie kaputt ist der Sport?“

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Die Fragestellung ließ keine differenzierte Antwort zu. Kaputt ist doch kaputt, zerstört, aus und vorbei. Aber so weit kam die Diskussion über die Geißel des Sports nicht. Sie blieb viel zu lange haften an dem hartnäckigen Streit mit dem russischen Journalisten Ivan Rodionow, ob nun der russische Sport im Auftrag des Kreml verseucht worden ist, wie es manche Fakten der ARD-Dokumentation des Fernseh-Journalisten Hajo Seppelt nahelegen oder allein ein Übel medaillengeiler, unkontrollierbarer Funktionäre und  Trainer ist.

          Vergiftung zum Ruhme des Vaterlandes

          Den gedopten Athleten wird das irgendwann egal sein, wenn sie spüren, dass Medaillen zwei Seiten haben. Die glänzende und die dunkle. Nach  Lorbeer in Jugendzeiten haben ehemalige Sportler des DDR-Zwangs-Dopings viel zu früh einen Kranz bekommen mit schwarzer Schleife – als letzten Gruß nach einem Leben mit den fürchterlichen Nebenwirkungen einer chemischen Vergiftung zum Ruhme des Vaterlandes.

          Als Goldkinder hofiert, als schwerkranke Erwachsene vergessen. So ein Schicksal droht nun, 26 Jahre nach dem Ende der DDR, auch russischen Sportlern. Und womöglich kenianischen, weißrussischen, amerikanischen, spanischen, bulgarischen, türkischen. Die Nennung ist beliebig. Doping kennt keine Grenzen. Gedopt wird überall, vielleicht mit unterschiedlicher Intensität, vielleicht hier und da mit mehr oder weniger subtilem Druck von Regierungen. Die Sauberkeit schlechthin lässt sich nicht lokalisieren. Auch Deutschland ist kein Ort der Unschuldigen. Innenminister Thomas de Maizière forderte schon im vergangenen Jahr ein Drittel mehr Medaillen von den Olympiateams der Zukunft – gilt nicht für Sommerspiele demnächst in Rio! -,  obwohl die Aufrüstung an der Doping-Front nicht nachgelassen hat, im Gegenteil.

          Der Abstand zwischen Jägern und Dopern wird nicht immer geringer,  wie es der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Michael Vesper, vehement behauptete. Aber was sollte er auch sagen? Dass der Kampf verloren ist? Dann kann er sein Amt aufgeben und die Leistungssportfraktion des DOSB zuschließen. Darum geht es in Wirklichkeit. Nicht um Vespers Job. Aber um die Existenzsicherung eines Leistungssportsystems durch die Funktionärskamarilla. Damit sind nicht die Abertausenden Ehrenamtlichen in den Vereinen gemeint, sondern die großen Player, die beim Thema Doping nur auf Druck reagieren, seit Jahrzehnten.

          Sporadisch arbeitete sich die Runde mit klugen Einwürfen immer wieder zum Kern des Problems vor. Aber Sandra Maischberger verpasste die Gelegenheiten, die teils angesprochene Abhängigkeit des Spitzensports von der Manipulation in den Mittelpunkt zu rücken und die wesentlichen Streitpositionen unter den Gästen herauszuarbeiten: Athleten, Trainer, Funktionäre, Verbände, Medien, ja auch Staaten, alle profitieren direkt oder indirekt am Doping im Moment des Erfolges. Kann es also ein originäres Interesse des Sports geben, sich davon zu befreien? Seine führenden Funktionäre propagieren „Null Toleranz“.  Sie haben ein Kontroll-System aufgebaut mit einem täglichen Überwachungsstandard von Topathleten, das in der Welt außerhalb des offenen Strafvollzuges seines gleichen sucht. Nur funktioniert es leider nicht überall, hier vielleicht gut, dort mäßig, andernorts gar nicht.

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