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TV-Kritik: Maischberger : Chemische Vergiftung zum Ruhme des Vaterlandes

Doping-Quote bei 29 Prozent?

Simon rechnet jedem so bereitwillig wie plausibel vor, wie skeptisch man den Kontrollerfolgen im Promillebereich gegenüber stehen muss. Die Zahl ist geringer als die Zahl der falsch positiven Test, die laut Statistik auftauchen müssten. Und das liegt nicht allein an Staats-Dopern oder an Potentaten mit Vertuschungsenergie. Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung in Ihrer Donnerstagsausgabe berichtet, hätte just die Welt-Anti-Doping-Agentur den kolportierten Manipulations-Skandal bei den Winterspielen von Sotschi 2014 verhindern können. Mehr als 100 gedopte Russen sollen trickreich um eine positive Probe herumgekommen sein.

Wenn aber die Zentralinstitution des Weltsports für den sauberen Sport nicht in der Lage oder willens war, auf massive Hinweis hin einzuschreiten, was heißt das dann für die Gesamtlage des Spitzensports vor dem größten Sportfest in Rio? Doch schon kaputt vor lauter Rücksicht auf die Erhaltung eines ausgehöhlten Gebildes?  Simon sieht das so. Er hat mit wissenschaftlich abgesicherten Befragungsmethoden eine Doping-Quote etwa unter Leichtathleten auf WM-Niveau herausgearbeitet, die über 29 Prozent liegt. Der Internationale Leichtathletik-Verband verweigert die Veröffentlichung der Arbeit.

Mit etwas mehr Redezeit hätte Ines Geipel wohl ausführlich erläutern können, welche Konsequenzen gezogen werden müssten aus dem Dilemma. Die ehemalige Sprinterin, die auf die Aberkennung ihres unter Doping gelaufenen Weltrekordes dringen musste, leitet den Doping-Opfer-Hilfe-Verein. Sie sieht und hört täglich, was der auf rücksichtslose Leistungssteigerung ausgerichtete Spitzensport aus hoffnungsvollen, begeisterten, begabten Kindern gemacht hat. Wracks. Auf der Suche nach einer Entkoppelung von der „Rekord-Scheiße“ und der „Verzweckung“ appelliert sie für eine Hinwendung zu den wahren Werten des Sports wie eine freie  Persönlichkeitsentfaltung, Talententwicklung ohne Medaillenaufrechnung.

Schluckkultur im Fußball

Dabei stößt die Schriftstellerin immer wieder auf den massiven Widerstand des DOSB mit Vesper an der Spitze. Er weigert sich, dort anzusetzen, wo eine Reform beginnen müsste: Mit einer weiteren finanziellen Beteiligung an der Hilfe für die nächste Generation Doping-Opfer. Weil erst ihre substantielle Anerkennung das Ende eines Leistungssportverständnisses einleiten kann, das zwar nicht kaputt zu kriegen ist, aber junge Menschen kaputt machen kann. Bis heute. Vor diesem Hintergrund mutete die ewige Frage nach Freigabe von Doping-Mitteln grotesk an. Da prasselte es überzeugende Gegenargumente von allen Seiten. Die wesentlichen wurden nicht genannte: Ärzten bliebe die Vergabe – selbst nach Rücknahme des Anti-Doping-Gesetzes – auch standesrechtlich untersagt. Und Minderjährige dürften ohnehin keinen Stoff bekommen, selbst wenn der ein paar Monate ältere, volljährige Gegner schon fleißig Anabolika einwerfen dürfte vor dem gemeinsamen Wettkampf. Die Folgen? Noch mehr Chaos, Kranke, Tote.  

Den Fußball würde das alles wohl nicht tangieren. Diesen Eindruck erweckte Peter Neururer, der ehemalige Profi und Bundesliga Trainer. Er wurde bei Maischberger als einer der ersten Doping-Enthüller im deutschen Fußball vorgestellt, weil er 2007 über Aufputschmittel in den achtziger Jahren berichtete. Das war genau zwei Dekaden, nachdem der damalige  Nationaltorwart Toni Schumacher in seinem Buch „Anpfiff“ (1987) detailliert über das Stoffprogramm in Deutschlands Eliteliga berichtet hatte – inklusive einer Schluckkultur in der Nationalmannschaft.  Nach Schumacher gekommen, aber auf dem Level stehen geblieben: Neururer hat seit seiner Selbsterfahrung nie wieder was erfahren zum Thema in seinem Wirkungsbereich. Das könnte an ihm liegen oder am geringen Interesse des Fußballs, genauer hinzuschauen. In wenigstens einer aktuellen, wissenschaftlichen Untersuchung wird eine Doping-Quote in der Bundesliga vorgerechnet, die weit höher sein soll als angenommen. Aber wer schaut schon gerne hinter die Kulissen, wenn das Schauspiel fasziniert?  „Herr Neururer“, fragte Maischberger zum Schluss einer wichtigen, aber ziellosen Debatte über die Verwahrlosung des Sports: „Wer wird denn Europameister?“

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