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TV-Kritik: Maybrit Illner : Sommermärchen oder Terrorspiele?

  • -Aktualisiert am

Maybrit Illner und ihr Gast Guido Steinberg Bild: ZDF und Jule Roehr

Schrecken verbreitet sich, wenn er geschürt wird. In der Maybrit-Illner-Sendung am Vorabend der Fußball-EM geht es um namenlose Angst und große Ungewissheit. Droht der Terror, die Freude an den Spielen zu verderben?

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          Am Morgen kündigte der Bundesminister des Inneren (und des Sports) in einem Radiointerview an, die Besucher der Fußballspiele seien „einem Höchstmaß an Sicherheit ausgesetzt“. Zuversicht klingt anders. EM-Gastgeber Frankreich befindet sich seit dem Anschlag vom 13. November 2015 im Ausnahmezustand. Seit März gibt es landesweit Aufstände gegen die Sozialreformen. In den nächsten Tagen werden der Nah- und Fernverkehr und die Müllabfuhr in Paris bestreikt. Wie kommen die Fans ins Stade de France? Von der Gare du Nord wäre das ein Fußmarsch von knapp sechs Kilometern. Der Wetterbericht verheißt sechs Tage Regen. Als wäre das nicht schon Schrecken genug, droht der Sprecher des „Islamischen Staats“ auch noch mit Anschlägen während des Fastenmonats Ramadan, der gerade begonnen hat.

          Eine gigantische Parallelaktion nimmt Gestalt an. Auf der einen Seite bringen sich die europäischen Fußballteams in Bestform. Auf der anderen Seite machen sich namenlose Gestalten mit finsteren Absichten auf den Weg. Wer behält die Oberhand: postheroische Freude am Spaß oder untoter Heroismus von Gotteskriegern?

          Lebensfreude nicht unterzukriegen

          Erst sah es so aus, als hätten an diesem Abend bei Maybrit Illner die Unsicherheitsexperten die Nase vorn. Dann aber erinnerten Ulrich Wickert und Gila Lustiger an die Lebensfreude der Franzosen, die sich nicht unterkriegen lasse. Reporterin Natalie Steger berichtet vom Champ de Mars. Das Feld des Kriegsgotts bietet Platz für 92.000 Besucher und 1.000 Sicherheitskräfte zum Schutz des Public Viewings. 80 Prozent der Franzosen glauben zwar nicht daran, dass sich das schützen lasse. Aber 68 Prozent werden hingehen.

          Frau Lustiger berichtet vom Alltag unter dem Regime des Ausnahmezustandes. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sind auf die Probe gestellt: Hausdurchsuchungen, Festnahmen, Versammlungsverbote schränken die Freiheitsrechte ein. Sportreporter Jochen Breyer meint, das Stade de France sei in den kommenden Wochen vermutlich der sicherste Ort. Er werde während der EM viel mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sein. Die französische Lebensfreude hat ihn angesteckt.

          Sie haben ihr Ziel erreicht!

          Ulrich Wickert war gerade wieder in Paris, von wo er viele Jahre als Korrespondent berichtet hat. Die schwer bewaffneten Sicherheitskräfte in den Straßen fallen schon auf. Er fühlt sich an die Anschlagserien Mitte der 1980er Jahre und dann abermals Mitte der 1990er Jahre erinnert, als selbst Mülleimer in den Straßen zugeschweißt wurden. Die Warnungen der Sicherheitsleute wirken gespenstisch, weil sie sich den Kopf ihrer Gegenspieler zerbrechen. So lange sie darüber den eigenen nicht verlieren, wäre dagegen nichts einzuwenden. Aber was ist von dem Satz des Europol-Chefs Rob Wainwright zu halten, dass die EM „ein attraktives Ziel für Anschläge sei“?

          Ulrich Wickert und Gila Lustiger erinnern an die Lebensfreude der Franzosen.
          Ulrich Wickert und Gila Lustiger erinnern an die Lebensfreude der Franzosen. : Bild: ZDF und Jule Roehr

          Thomas Oppermann rät den deutschen Fans, sich von der Lebensfreude der Franzosen eine Scheibe abzuschneiden. Der IS  habe es auf die freie Gesellschaft insgesamt abgesehen. Es gebe zur Zeit keine konkreten Hinweise auf Anschläge.

          Guido Steinberg erinnert an die Schattenseite der unkontrollierten Zuwanderung im vergangenen Jahr. Der IS habe den Kontrollverlust an den europäischen Grenzen dazu genutzt, Kämpfer einzuschleusen. Die Sicherheitslage in Frankreich bewertet er skeptisch. Zum Anschlag auf Charlie Hebdo sei es gekommen, weil die Polizei nicht mehr alle Islamisten überwacht hatte. Auch gebe es technische Probleme der Überwachung verschlüsselter Kommunikation.

          André Schulz, Chef der deutschen Kriminalpolizisten, sieht in Deutschland die Sicherheitsaufgabe darin, 60 große Fanfeste während der EM zu schützen. Sportreporter Breyer sieht auch nach den großen Anschlägen auf die Olympischen Spiele in Atlanta und auf den Marathonlauf in Boston keinen Grund, der EM mit Trübsal entgegenzublicken. Zweifelhaft wirkt ein Einspieler, der Ulrich Wickert auf die Palme treibt. Helmut Spahn, Sicherheitschef der WM von 2006, wirft den Franzosen vor, sie betrieben ihre Maßnahmen abgeschottet. Dass deutsche Sicherheitskräfte nicht bewaffnet durch Paris patrouillieren, hat triftige historische Gründe.

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