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TV-Kritik „Maybrit Illner“ : Unmut über das undankbare Volk

  • -Aktualisiert am

Der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU- Bundestagsfraktion Ralph Brinkhaus versteht offenbar die Ängste der Bürger nicht mehr. Bild: dpa

Viele Politiker empfinden die Abstiegsängste der Bürger als eine Art Wahrnehmungsstörung. Da muss man sich fragen, ob diese Politiker überhaupt wissen, welche Politik sie zu verantworten haben.

          So ein flammendes Plädoyer für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk hört man selten. Ralph Brinkhaus legte sich mächtig ins Zeug, um den Zuschauer davon zu überzeugen. Es sei schlimm, dass „wir uns viermal in der Woche damit beschäftigen, was alles schief läuft“, so der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU- Bundestagsfraktion. Vielmehr müssten wir doch auch „einmal sagen, was gut läuft“. Schließlich beneideten uns „die Parlamentarier in anderen europäischen Ländern“ darum.

          Sicherlich wollte Brinkhaus keine Talkshows propagieren, wo sich ab sofort die Brigadeleiter eines dem Volk gehörenden Betriebes verpflichten, die Pläne gemäß der letzten Beschlüsse des CDU-Bundesparteitages überzuerfüllen. Der Sozialismus des Ahlener Programms von 1947 ist noch nicht einmal in der CDU Angela Merkels zu befürchten. Aber welchen Sinn hatte diese Medienschelte sonst?

          Offenkundig gibt es in der CDU einen tiefsitzenden Unmut über das undankbare Volk. Angesichts einer immer noch gut laufenden Konjunktur, sinkender Arbeitslosenzahlen und steigender Einkommen versteht Brinkhaus das Volk nicht mehr.

          „Wachsende Sehnsucht nach Heimat“

          Da wird es schon zum Problem, wenn Frau Illner zwei Thesen zur Diskussion stellt. Sie lauten: „Den Deutschen geht es noch nie so gut wie heute“ und „Keinem Deutschen wird es wegen der Aufnahme der Flüchtlinge schlechter gehen.“  Das fasste Frau Illner in dem Titel der Sendung von der „Abstiegsangst im reichen Land – warum wächst die Wut?“ zusammen.

          Brinkhaus sieht darin eine Art Wahrnehmungsstörung, die mit seiner Wirklichkeit nichts zu tun hat. Es fehlte eigentlich nur noch die Idee vom „postfaktischen Zeitalter“, die neuerdings durch Politik und Feuilletons geistert. Der Präsident des Münchner IfO-Instituts, Clemens Fuest, sekundierte Brinkhaus. Für steigende Ungleichheit sah er keine empirischen Belege. Die Abstiegsängste müssten sich daher anders erklären lassen.

          Der Kölner Pfarrer Franz Meurer hatte eine interessante Erklärung anzubieten. Der Kapitalismus habe eine „wachsende Sehnsucht nach Heimat“ als unbeabsichtigte Folge. Dieses Gefühl des „unbehaust seins“ teilten sogar Flüchtlinge mit den Menschen der Mittelschicht, so Meurer. Dagegen argumentierte Ulrich Schneider als Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes vergleichsweise konventionell links. Er verwies auf steigende Armutsquoten, deren statistische Relevanz Fuest allerdings bestritt. Was dieser aber nicht bestreiten konnte, waren die beiden anderen Aussagen Schneiders: Die unteren vierzig Prozent der Beschäftigten haben seit dem Jahr 2002 nicht nur Reallohnverluste hinnehmen müssen. Sie verfügen zudem über kein Vermögen. Sie lebten praktisch „von der Hand in den Mund“, so Schneider.

          Aber das erklärt noch nicht das Gefühl des Unbehausten. Der Wirtschaftsjournalist Thomas Fricke machte deutlich, dass diese Wahrnehmung gerade kein spezifisch deutsches Problem ist. Niemand wähle in Amerika Donald Trump, weil die Bundeskanzlerin bei uns die Kontrolle über unsere Außengrenzen verlor, wie Fricke es formulierte. Er sah in der ideologischen Begründung der Globalisierung den Auslöser für diese Gefühlslage. Damals war ja nicht nur vom Kontrollverlust der Politik über die Wirtschaft die Rede. Es ging immer um die Liberalisierung von Märkten und die Propagierung von Eigenverantwortung.

          Die Politik hat sich selber delegitimiert, so konnte man Fricke verstehen. Sie verlagerte ihre politische Verantwortung auf Marktprozesse, wo andere Akteure dominierten. Die Leute fragten sich daher mittlerweile, so Fricke, „was hat uns das alles gebracht“? In Deutschland immerhin die Grundsicherung namens Arbeitslosengeld 2, so könnte man das positiv formulieren. Im Volksmund Hartz IV genannt.

          Abstiegsängste als Wahrnehmungsstörung?

          Fricke zitierte eine Studie, in welcher im internationalen Vergleich eine Korrelation zwischen der Angst vor Statusverlust und der Zustimmung zu rechtspopulistischen Parteien festgestellt wurde. Das ist auch in dem laut Brinkhaus beneideten Deutschland ein Problem.

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