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Neues „Literarisches Quartett“ : Vorhang zu, alle Fragen offen

Die Stammbesetzung des neuen „Literarischen Quartetts“: „Spiegel“-Literaturchef Volker Weidermann (rechts), Moderatorin und Autorin Christine Westermann und Kolumnist Maxim Biller Bild: dpa

Teils vehement, teils einstudiert: Im ZDF streitet von diesem Freitag an das neue „Literarische Quartett“. Aber worum geht es hier eigentlich: um Kritiker oder um Bücher?

          4 Min.

          Worte, Worte, nichts als Worte versprach Marcel Reich-Ranicki dem Fernsehpublikum, als er im Frühjahr 1988 zum ersten „Literarischen Quartett“ bat. Daran sollten er und seine Mitstreiter sich dreizehn Jahre lang halten, bis zum Finale, zu dem der Bundespräsident ins Schloss Bellevue bat. Höchste Ehrung, ein Staatsakt für eine Sendung des Zweiten Deutschen Fernsehens, die vom Streit lebte, von der Rollenaufteilung und selbstverständlich von ihrem Dirigenten, dem früheren Literaturchef dieser Zeitung. Nun ist der Reigen wieder eröffnet, vom Konzept her und dem Namen nach. Vorhang auf für das neue „Literarische Quartett“.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Wie ein Zeichen mochte es dessen Gastgeber Volker Weidermann erscheinen, dass kurz vor der ersten Aufzeichnung der zweite Mitspieler des Originals starb – der feinsinnige Menschenfreund Hellmuth Karasek, der im alten Quartett für den Resonanzraum sorgte, den Reich-Ranickis Streitereien mit Sigrid Löffler, der Dritten im Bunde, brauchten. Der Stuhl, den man für Karasek als Gast reserviert habe, bleibe nun leer, sagt Weidermann bei der Begrüßung und macht erst einmal eine Pause.

          Biller ist nicht zu bremsen

          Davor ist im Foyer des Berliner Ensembles, in dem die Sendung am Mittwoch aufgezeichnet wurde, so einiges passiert, was die Zuschauer im Fernsehen später nicht zu sehen bekommen: Ein Mikrofon rauscht, der Warm Upper macht beim Vorspiel auf diesem Theater aus Sigrid Löffler einen Siegfried und sorgt dafür, dass das Publikum mehr als diesen lahmen „3sat-Applaus“ hinbekommt. Dann wird so lange und laut geklatscht, dass die ersten Worte des Gastgebers untergehen. Noch einmal von vorn, sagt der Regisseur aus dem Off, und: „Die Sendung wird ein Knaller.“ 43 Minuten und dreißig Sekunden zeigt die Uhr, so viel Zeit darf sein für vier Rederunden mit vier Kritikern zu vier Büchern.

          Wer sorgt dafür, dass es knallt? Maxim Biller selbstverständlich, Kolumnist der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, der sich von niemandem bremsen lässt. Vehement tritt er für den Roman „Der dunkle Fluss“ des Nigerianers Chigozie Obioma ein, in dem ein Verrückter einen Mord unter vier Brüdern prophezeit, die dann tatsächlich in Gewalt versinken. „Fieber am Morgen“ von Péter Gárdos, das von der Liebe zweier KZ-Überlebender handelt (es sind Gárdos’ Eltern), nennt Biller hingegen „Holocaust-Kitsch“. Das hätte sie sich nicht zu sagen getraut, bekennt die Gastkritikerin und Schriftstellerin Juli Zeh. Sie ist etwas erschüttert, weil sie Biller ausnahmsweise recht geben muss. Der zerpflückt ihre Urteile dafür heftig, stimmt kategorisch zu oder lehnt ab, geht die anderen auch persönlich an, und das alles sehr unterhaltsam.

          Rollenspiel auf Brechts Brettern

          Christine Westermann hält sich lieber an Einzelaspekten fest, beim Buch des Nigerianers macht ihr die Übersetzung zu schaffen. Karl Ove Knausgård, den Weidermann für einen der größten Schriftsteller überhaupt hält, ist Christine Westermann mit seinen achthundert Seiten „Träumen“ achthundert Seiten zu lang. Zu viel Tee (achtzehn Hektoliter?) trinke er auch. Ruhig bleiben und Tee trinken wiederum kann Maxim Biller bei dem von Juli Zeh protegierten Ilija Trojanow nicht („der Mann ist kein Schriftsteller“). Volker Weidermann sagt zu Trojanows „Macht und Widerstand“ zwischendurch: „Das Buch ist grauenhaft“, findet aber eine tolle Stelle auf Seite 470. Das Resultat der vier Runden verkündet er wie ein Sportergebnis, das an dieser Stelle nicht verraten wird, und sagt wie früher Reich-Ranicki: „Kopf hoch“.

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