https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/tv-kritik/das-neue-literarische-quartett-geht-in-die-erste-runde-13834214.html

Neues „Literarisches Quartett“ : Vorhang zu, alle Fragen offen

Um ein Spiel also geht es, um ein Rollenspiel, für welches das ZDF als Bühne das Berliner Ensemble gewählt hat. Wo sonst sollte diese Literatursendung stattfinden als an der früheren Wirkungsstätte Brechts? Von dem Marcel Reich-Ranicki zum Schluss eines jeden „Quartetts“ die Worte zitierte: „Und so sehen wir betroffen /Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

Fernsehmacher sind verliebt in solche Symbolakte, die den Protagonisten, wenn sie nicht als Clowns oder Kulissenschieber erscheinen wollen, aufbürden, das Versprechen der Sinnstiftung einzulösen. Maxim Biller findet seine Rolle des charmanten Querulanten im „Literarischen Quartett“ sogleich. Volker Weidermann, Kultur-Reporter beim „Spiegel“ und früherer Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, will vermitteln, aber nicht ausweichen und nebenbei beweisen, dass er den Kanon draufhat (Gárdos’ Roman nennt er lobend einen „Anti-Zauberberg“, weil er die gesundmachende Kraft der Liebe preise); er sucht seine Linie noch. Christine Westermann verlässt sich auf ihre Routine als Buchtippgeberin von WDR 2; ihre Pointen („eine Rotznase ist eine Rotznase ist eine Rotznase“) wirken gestelzt und einstudiert.

Wozu solche Gespräche?

Ist das nicht fast wie in alten Zeiten? Fast. Denn die Zeiten haben sich geändert, heute treten Literaturkritiker gegen Empfehlungsheerscharen aus dem Internet an. Zudem sind hier vier am Werk – nebenbei: die drei von der Stammbesetzung publizieren allesamt beim Verlag Kiepenheuer&Witsch –, die wissen, was von ihnen erwartet wird, und nicht aus den ihnen zugedachten Rollen ausbrechen. Sind am Ende alle Fragen offen? Sie sind es. Denn zu den besprochenen Büchern, die Tage im Voraus bekanntgegeben werden und mit denen sich Verlage und Buchhandlungen bevorratet haben, hören wir ebenso viel Vernichtendes wie Lobendes. Wessen Urteil soll man als Leser trauen, welches der Bücher kaufen und lesen? Dazu gibt das „Literarische Quartett“ noch keinen begründeten Anstoß, die Premiere wirkt wie ein Nullsummenspiel.

„Wozu können eigentlich solche Gespräche dienlich sein?“, fragte Joachim Kaiser im März 1988 in dieser Zeitung mit Blick auf die Premiere von Reich-Ranickis Sendung. „Literatur ist zum – man verzeihe das harte Wort – Lesen da“, schrieb Kaiser. Das bereitet dem Fernsehen nach wie vor ein Problem, zu welchem dem ZDF mit Sendungen wie „Lesen!“ von Elke Heidenreich, „Die Vorleser“ mit Amelie Fried und Ijoma Mangold und dem „Blauen Sofa“ von Wolfgang Herles all die Jahre lang nichts Rechtes einfiel. Nun sehen wir das neue „Quartett“, die Wiederaufnahme des Klassikers, Retro mit Schick, wie es die ARD mit „Dalli, dalli“ vormacht. Die Zuschauer sollen dieses Kritikerfernsehen „spitze“ finden, hofft man beim ZDF.

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