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„Das Luther-Tribunal“ im ZDF : Da steht er nun und kann nicht anders

Ich widerrufe nichts: Martin Luther (Roman Knizka) tritt vor Karl V. Bild: ZDF und Julie Vrabelova

Zum Reformationstag zeigt das ZDF Martin Luther nicht als coolen Superstar, sondern inmitten des erbitterten Kampfs um die Macht in Kirche und Staat: „Das Luther-Tribunal“.

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          Ich bin hindurch! Ich bin hindurch!“ Martin Luther reckt die Fäuste in die Höhe mit einer Geste, wie wir sie von Fußballspielern nach dem Pokalgewinn gewohnt sind. Da steht er nun, am 18. April 1521 auf der Freitreppe in Worms und hat es dem Kaiser Karl V. und den Reichsständen gezeigt. Er hat seiner Lehre nicht abgeschworen, er hat seine Schriften nicht widerrufen: „Und solange mein Gewissen durch die Worte Gottes gefangen ist, kann und will ich nichts widerrufen, weil es unsicher ist und die Seligkeit bedroht, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir, Amen.“

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Den berühmten Satz „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“, hat er zum Abschluss des Verhörs, aus dem er eine Disputation gemacht hat, zwar nicht gesagt. Der Satz aber beschließt die Abschrift, die flugs gedruckt und von Luthers Anhängern im ganzen Reich verbreitet wird. Von der Entgegnung Karls V. hingegen, verfasst mit derselben religiösen Vehemenz, nimmt kaum jemand Notiz. Der kleine Mönch hat über den Kaiser triumphiert, auch wenn dieser wenig später die Reichsacht über Luther verhängt.

          Zum Tag des Reformationsjubiläums zeigt uns das ZDF nicht einen Luther, der in Wittenberg seine Thesen anschlägt (was er nie tat), sondern den Augenblick, in dem sich „der Gang der Geschichte“ veränderte. In den zehn Tagen im April 1521 auf dem Reichstag zu Worms, von denen „Das Luther-Tribunal“ handelt, wurde die Spaltung der Kirche grundgelegt und der Religionskrieg des kommenden Jahrhunderts vorgezeichnet. Für ein Dokudrama ist der Reichstag die perfekte Vorlage, er ist durch die Reichstagsakten und umfangreichen Schriftverkehr ausführlich dokumentiert. Er setzt einen formalen Rahmen, der weitschweifende Ausflüge in die Fiktion verbietet, zu der die Dokudramatiker des Zweiten neigen.

          Ablenkung von den langen Sitzungen des Reichstags: Karl V. (Mateusz Dopieralski) geht auf der Jagd. Treffsicher ist er nicht.

          Da ist nicht so viel Platz wie sonst, die Geschichte dem Zeitgeist in Wort und Bild anzupassen. Für erfreuliche Genauigkeit sorgt aber auch die fachliche Beratung des Luther-Biographen Heinz Schilling, der im Film neben der Theologin Elisabeth Gräb-Schmidt und der Historikerin Claudia Garnier zu Wort kommt, und bei dem sich der Drehbuchautor Friedrich Klütsch nach eigenem Bekunden Rat holte. Schilling bewahrte die ZDF-Filmer unter anderem davor, in die Reichstagssitzung auch Frauen zu plazieren, wie man es heutzutage für selbstverständlich hielte, was 1521 aber unmöglich war. So nimmt das Drehbuch für sich in Anspruch, der Maßgabe des Historikers Reinhart Koselleck zu folgen: „Streng genommen kann uns eine Quelle nie sagen, was wir sagen sollen. Wohl aber hindert sie uns, Aussagen zu machen, die wir nicht machen dürfen. Die Quellen haben ein Vetorecht.“

          Ob dieses gegen die gespielten Szenen spräche, in denen Luther mit seinen Gefolgsleuten und der Wirtin in Worms plaudert? Überliefert sind seine Magenprobleme. Die Gelegenheit, den von Verstopfung Gepeinigten in entsprechender Lage zu zeigen, lässt sich der Film nicht entgehen. Kaiser Karl V. (Mateusz Dopieralski) sehen wir derweil vor der Reichstagssitzung auf der Jagd. Den Hirsch, den man ihm direkt vor die Flinte scheucht, verfehlt er aus nächster Nähe. Was uns die Dokudramatiker hier mit dem Holzhammer verdeutlichen, ist schon klar: Mit Luther, der in die Enge getrieben werden soll, wird es dem Kaiser ebenso gehen. Hieronymus Aleander (Alexander Beyer), der Nuntius des Papstes, ist Zeuge der Szene und denkt sich seinen Teil: Diesen Kaiser muss Rom zum Jagen tragen.

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