https://www.faz.net/-gsb-90y63

TV-Kritik: „Anne Will“ : Die Bundestagswahl als Lotterie

  • -Aktualisiert am

Wahlkampf-Auftakt bei Anne Will Bild: dpa

Fünf Wochen vor der Wahl fehlt es bisher an klaren Perspektiven für die zukünftige Regierungsbildung. Gerade deswegen könnte der 24. September doch noch spannend werden, zeigte sich bei Anne Will.

          In den vergangenen Jahren waren die Folgen polarisierender Themen in Wahlkämpfen öfters zu erleben. So konnten die Grünen in Baden-Württemberg ihren Stimmenanteil glatt verdoppeln als es im Jahr 2011 nur um zwei Themen ging: Um einen Bahnhof und einen Atomreaktor in Japan. Vergleichbares widerfuhr der AfD in den Landtagswahlen nach dem Beginn der Flüchtlingskrise. Sie wurde sogar bisweilen aus dem Stand heraus zur zweitstärksten Partei. Der harte Konflikt erzeugt fast von selbst eine hohe Wahlmotivation. Dieses Mal geht es um was, so lässt sich in solchen Zeiten die Stimmungslage zusammenfassen.

          Schwäche der Sozialdemokraten

          Davon kann zur Zeit nicht die Rede sein. Zwar beendete Anne Will pünktlich zum Beginn der „heißen Phase“ des Wahlkampfes ihre Sommerpause, um sich aber vor allem über die Stimmung im Land zu wundern. Die Bundeskanzlerin liegt in den Umfragen scheinbar uneinholbar in Führung. Ob sie sich „im Sessellift in das Kanzleramt“ schaukelt, so Frau Will. Entsprechend strukturierte die Moderatorin ihre Fragen. Sie drehten sich im Grunde nicht um den Wahlkampf, sondern warum er nicht stattfindet. Für diese These gab es in einer Beziehung durchaus Unterstützung bei den Gästen aus der bisherigen außerparlamentarischen Opposition. Sowohl der FDP-Vorsitzende Christian Lindner als auch die AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel hielten die Frage nach dem zukünftigen Bundeskanzler für entschieden: Es wird weiterhin eine Bundeskanzlerin sein.

          Damit ist auch das eigentliche Thema dieses Wahlkampfes gut benannt, wenigstens soweit es die Medien betrifft. Diese beschäftigen sich nämlich vor allem mit der Schwäche der Sozialdemokraten und dem Absturz ihres Kanzlerkandidaten in den Umfragen. Es fehlt dem Wahlkampf jene Dramatik, die erst den „demokratischen Wettbewerb“ zu einem für Berichterstatter spannenden Wettkampf macht.

          So blieb es Thomas Oppermann als Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion vorbehalten, dem etwas entgegenzusetzen. Er verwies auf die vielen noch unentschiedenen Wähler und frühere Wahlkämpfe. So konnten die Sozialdemokraten in Rheinland-Pfalz die CDU noch auf der Zielgeraden abfangen. Das änderte aber nichts an dem bisher ungelösten Problem der SPD. Nämlich einerseits ihre Erfolge als Regierungspartei herauszustellen, um aber gleichzeitig den politischen Wechsel zu fordern. Ihr fehlt halt immer noch das zündende Thema, um die Unterschiede zur Union deutlich zu machen. Kein Wunder, wenn Volker Kauder (CDU) seinen Amtskollegen davor warnte, die „Erfolge der eigenen Regierungsarbeit zu verleugnen.“ Geht er doch davon aus, dass diese Erfolge beim Wähler vor allem mit der Bundeskanzlerin verbunden werden.

          „Extremismus-Kanzlerin“

          Trotzdem war diese Sendung durchaus informativ. Allerdings nicht, weil man in den letzten fünfzehn Minuten alle Themen von der Europapolitik über die Flüchtlingskrise bis zur Dieselaffäre anzusprechen vermochte. Das endete in einer gewissen Kakophonie, die für die Zuschauer bisweilen nur noch mit Mühe nachzuvollziehen war. Interessant war es aus einem anderen Grund: Die Gäste gaben einen Einblick in ihre Wahlkampfstrategie. Die AfD will mit ihrer Selbstdefinition als einzig wahre Oppositionspartei punkten. Dann wird die Bundeskanzlerin schon einmal zur „Extremismus-Kanzlerin“, der andauernder Rechtsbruch vorgeworfen wird. Oder Frau Weidel forderte eine „Dieselgarantie“ bis zum Jahr 2050, womit wohl die freie Fahrt in unsere Innenstädte gemeint ist. Dabei verwickelte sie sich allerdings bisweilen in die Widersprüche fundamentaloppositioneller Attitüde. So kann Frau Weidel tatsächlich nicht das Bundesverfassungsgericht als Kronzeugen für ihre These vom „permanenten Rechtsbruch“ heranziehen.

          Dafür vermochte sie allerdings in der Dieseldebatte zu punkten. Ihre Frage nach der Erklärung für die Differenz zwischen Stickoxid-Grenzwerten in Innenräumen und denen an der Außenluft konnte Oppermann nicht beantworten. Deswegen gibt es die Antwort natürlich trotzdem. Lindner nutzte sogleich die Chance, um auf die Folgen hinzuweisen, wenn „sich ein Jurist (Oppermann) und ein Ökonom (Weidel) über physikalisch-technische Fragen unterhalten.“ Das hört sich zwar gut an, verkennt aber den Charakter technokratischer Logik.

          Weitere Themen

          „Ich hatte viel Bekümmernis“ Video-Seite öffnen

          Gaechinger Cantorey : „Ich hatte viel Bekümmernis“

          Die Gaechinger Cantorey führt bei ihrer Bach-Pilgerreise in der Stadtkirche zu Weimar mit dem Schlusschor die Kantate „Ich hatte viel Bekümmernis“ BWV 21 von Johann Sebastian Bach auf.

          Topmeldungen

          Demnächst möglicherweise seltener zu sehen: „Zu vermieten“-Schild an einem Haus in Berlin-Schöneberg.

          F.A.Z. exklusiv : Mietendeckel schadet den Mietern

          Der Mietendeckel in Berlin soll das Wohnen bezahlbar halten. Doch die Studie eines renommierten Forschungsinstituts zeigt jetzt: Tatsächlich könnte er genau das Gegenteil bewirken.
          Spaniens amtierender Ministerpräsident Pedro Sanchez nach dem Treffen mit König Felipe

          Regierungsbildung gescheitert : Stillstand in Spanien

          Pedro Sánchez hat keine Mehrheit im Parlament. Zum zweiten Mal in diesem Jahr wird im November ein neues Parlament gewählt. Doch die politische Blockade könnte andauern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.