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Dunja Hayali und Maischberger : Kuriositätenkabinett zu den Gipfeltagen

  • -Aktualisiert am

Sandra Maischberger diskutierte mit ihren Gästen über Sinn und Unsinn des G-20-Gipfels. Bild: WDR/Melanie Grande

Bei Dunja Hayali wie auch bei Sandra Maischberger ging es um den G-20-Gipfel in Hamburg. Dessen Sinn ist zwar nicht sofort ersichtlich – aber dafür wissen ihn alle möglichen Leute für ihre Zwecke zu nutzen.

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          Eines ist von den Mitmarschierern im „Schwarzen Block“ immerhin nicht zu befürchten. Niemand wird mit einem Schnellfeuergewehr auf unschuldige Menschen schießen oder die höchste Form der politischen Selbstaufopferung wählen: Den Freitod durch die Explosion eines angelegten Sprengstoffgürtels. Es wird auch keiner aus diesem Kreis auf die Idee kommen, mit einem Beil auf Menschen einzuschlagen oder mit einem LKW in eine Menschenmenge zu rasen. Im Vergleich zum Dschihadismus ist der Linksradikalismus fast schon harmlos zu nennen. Das betrifft zugleich seine politische Bedeutung im Vergleich zum Islamismus. Er ist weitgehend irrelevant, ohne jeden Rückhalt in der Bevölkerung. Der gegenwärtige Linksradikalismus ist die Karikatur einer politischen Bewegung, der dafür als Lebensstil sehr gut zu den gesellschaftlichen Verhältnissen im modernen Kapitalismus passt.

          Daher hätten die Linksradikalen allen Grund, den Veranstaltern des G-20-Gipfels in Hamburg dankbar zu sein. Seit Tagen redet ganz Deutschland über fast nichts anderes als deren Versuche, in der altehrwürdigen Hansestadt einen sogenannten Widerstand zu organisieren. Dunja Hayali durfte sogar deren Tempel namens „Rote Flora“ betreten, der ansonsten Ungläubigen versperrt bleibt. Dort wird unter anderem „veganes Gulasch“ zubereitet für die erschöpften HeldInnen im antikapitalistischen Lifestyle-Projekt.

          Linksradikaler Lifestyle mit veganem Tempelgulasch

          Im Studio durfte anschließend Emily Laquer als Sprecherin der „Interventionistischen Linken“ mit dem früheren Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) diskutieren. Sie dokumentierte die alte Krankheit linksradikaler Argumentation: Einerseits proklamiert sie ein Widerstandsrecht gegen die herrschende Rechtsordnung, verlangt aber zugleich die Einhaltung von deren Regeln, die man aber für sich selbst als nicht verbindlich begreift. So durfte Frau Laquer schon einmal vor der auf „Krawall gebürsteten Polizei“ warnen, oder gar den Rechtsstaat in Gefahr sehen, der ihr ansonsten im antikapitalistischen Widerstandskampf herzlich gleichgültig ist.

          Dieser Appell an den Rechtsstaat hat lediglich noch die Funktion, die früher sogenannten „Scheiß-Liberalen“ für die eigenen politischen Zwecke zu instrumentalisieren. Es findet sich auch immer jemand, der dabei noch mitmacht. Nur gibt es halt kein Widerstandsrecht, außer die dezisionistische Selbstermächtigung im Namen von wem auch immer. Die Linksradikalen können nicht darüber entscheiden, ob in Hamburg ein solcher Gipfel stattfindet, wie Schily trocken anmerkte. Sie dürfen aber gegen diesen Gipfel protestieren, um ihre Standpunkte in die öffentliche Debatte einzubringen. Dabei zeigte Frau Laquer durchaus eine gewisse politische Begabung. Sie müsste sich halt nur irgendwann entscheiden, ob sie in Zukunft ernsthafte Politik oder linksradikalen Lifestyle mit veganem Tempelgulasch betreiben will.

          „Zwang miteinander zu reden“

          Nach Hayali beschäftigte sich auch Sandra Maischberger mit den bevorstehenden Gipfeltagen in Hamburg. Ob „Merkel Trump und Co. zähmen“ könnte, so der Titel der Sendung. Eine interessante Frage bei einer Kanzlerin, die sogar unversehens in eine „Ehe für alle“ schlittern kann. Jenseits dessen diskutierte man den Sinn dieses Gipfels. Dieser besteht lediglich darin, dass er existiert. Die Staatschefs haben ausnahmslos ein innenpolitisches Interesse an seiner Durchführung, um sich als Weltpolitiker zu inszenieren. Insofern ist deren Interesse an Aufmerksamkeit mit dem des „Schwarzen Blocks“ und allen anderen in Hamburg versammelten politischen Akteuren identisch. Daraus kann man das beste machen – es etwa als Gesprächsmöglichkeit betrachten, wie der CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen argumentierte. Hamburg wäre in den kommenden Tagen ein Ort, wo „der Zwang besteht miteinander zu reden.“ Ansonsten ist der politische Sinn dieser Veranstaltung kaum noch zu erkennen, die mittlerweile an ihrer eigenen Gigantonamie zu ersticken droht. Hamburg sei praktisch „lahm gelegt“, wie es der Schauspieler Rolf Becker in einem Interview formulierte. Nicht zuletzt deswegen bezweifelte der frühere ZDF-Journalist Dieter Kronzucker sogar die Zukunftsfähigkeit dieses Formats.

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