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Film: Dschihadisten im Visier : Sie nehmen, was uns zu Menschen macht

Im Zeichen der Marianne: Nach dem 13. November 2015 wurde die Place de la République in Paris zum Symbol der Erinnerung an die Opfer des Terrors. Bild: Arte

Wie verhindert man, dass junge Leute in die Fänge der Islamisten geraten? Der Kampf gegen den Todeskult ist eine Aufgabe für Generationen. Das führt uns eine Arte-Dokumentation vor Augen.

          3 Min.

          Wir sind spät dran. Wir haben viel zu lange weggesehen“, sagt Laetitia Moreau. Wie spät wir dran sind, zeigt sie uns in ihrer Dokumentation „Dschihadisten im Visier“. Die Rekrutierung der Islamisten läuft auf Hochtouren. Weltweit, vor allem in Europa, fangen sie junge Menschen für ihre Ideologie ein. Sie richten sie zu Terroristen ab, die jedes Opfer in Kauf nehmen, auch ihr eigenes, weil ihnen eingetrichtert worden ist, dass sie nur so auf dem Weg zu Gott sind - indem sie jede Regung des Mitleids in sich abtöten und andere, ohne zu zögern, umbringen. Sie erkennen nicht, was sie anrichten, weil ihnen alle Ungläubigen - inklusive der Muslime, die nicht der Ideologie des Islamismus folgen - gar nicht mehr als Menschen gelten.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          In vier Stufen vollzieht sich die Gehirnwäsche: Isolation, Zerstörung des Individuums, Glaubensbekenntnis, Entmenschlichung. Während die Anthropologin Dounia Bouzar, die einen Verein zur Vorbeugung gegen das Abdriften in den Dschihadismus gegründet hat, diesen Indoktrinierungsprozess Politikern und Sozialarbeitern erklärt, laufen im Hintergrund IS-Propagandafilme, die wir auf dem Bildschirm nur ansatzweise sehen. Was zu erkennen ist, reicht, um zu verstehen, wozu die Hass-Programmierung junger Menschen führt. Angesichts unfassbar grausamer Massenmorde reißen sie Witze und wünschen sich an die Stelle derer, die diese Verbrechen begehen.

          Per Verwandlung zu Auserwählten

          Die Terrorwerber finden sich an jeder Straßenecke, sie sind zahlreich, sie sind tief in die westlichen Gesellschaften eingedrungen, und sie sind auf dem Vormarsch. Knapp fünfhundert sogenannte Gefährder, so berichtet die „Welt am Sonntag“, zählt das Bundeskriminalamt zurzeit in Deutschland, also Leute, bei denen davon ausgegangen wird, dass sie jederzeit einen Terroranschlag verüben können. Vor einem Jahr bezifferte das BKA den Gefährderkreis noch auf 270 Personen.

          Fernsehtrailer : „Dschihadisten im Visier“

          Wie virulent die Terrorgefahr in Frankreich ist, braucht man nach den Anschlägen auf „Charlie Hebdo“, den jüdischen Supermarkt in Paris, den Bomben vor dem Stade de France und dem Massenmord im Konzerthaus Bataclan nicht zu erklären. Laetitia Moreau aber zeigt, dass die nächsten Attentäter schon warten, weil die Jugendarbeit des Terrornetzwerks IS so gut funktioniert, das man - wie es der französische Präsident François Hollande tut - besser „Daesch“ (von „Zwietracht säen“ oder „zertreten“) nennt und nicht „Islamischen Staat“. Die Rekrutierer des Terrors passen Teenager ab, die nach Antworten, Regeln und Halt suchen, welchen sie weder in der Familie noch in der Gesellschaft finden, und bieten ihnen eine Verwandlung an, durch die sie auf einen Schlag zu Auserwählten werden.

          Eine Sisyphusaufgabe

          Das funktioniert, auch wenn die Aufgabe der Jungen allein darin besteht, zu töten, und die der Mädchen, schnell Kinder zu bekommen, welche die nächste Generation von Todeskandidaten bilden. Der Tod, sagt eine junge Französin, die aus Syrien zurückgekehrt ist und beim „Daesch“ zwangsverheiratet wurde, habe nicht nur keinen Schrecken, er sei das Wunschbild: „Zu Gott besteht die einzig wahre Verbindung, und die Verbindung zu Gott entsteht nur durch den Tod.“ Deshalb gebe es dort auch so viele Suizide, und deshalb gehe es bei der Heirat auch gar nicht um eine emotionale Verbindung. Die Frau bindet sich nicht an den Mann, der Mann nicht an die Frau, die Heirat besteht nur vor Gott. So, erklärt Dounia Bouzar, nehmen die Islamisten den jungen Leuten Stück für Stück jedes Empfinden: „Sie nehmen ihnen weg, was uns zu Menschen macht.“

          Welche Macht das verleiht, das bezeugen die Eltern. Ihre Kinder werden ihnen entrissen, selbst wenn es diesen nicht an Zuwendung und Lebenschancen mangelte. „Daesch“ rekrutiert nicht nur Chancenlose. Die Macht, die man als Todeskrieger hat, fasziniert auch junge Menschen, die man in jeder Hinsicht für integriert halten könnte. Doch wer fängt jene auf, die sich abwenden? Der Polizeipräfekt des Departements Bouches-du-Rhône, zu dem Marseille gehört, unterhält eine TaskForce mit Polizeibeamten und Sozialarbeitern, die jeden einzelnen Jugendlichen, der gefährdet ist, ein „Gefährder“ zu werden, im Blick zu behalten versucht. Es ist eine Sisyphusaufgabe, auf welche unsere individualistische Gesellschaft nicht vorbereitet ist und gar nicht vorbereitet sein kann, weil sie eben keine Umma, keine Gemeinschaft der Gläubigen ist, in die sich der Einzelne ein- und unterordnet.

          Deutschland muss sich beeilen

          Für diese Aufgabe braucht es viele - Menschen wie Dounia Bouzar oder wie den Schriftsteller Farid Abdelkrim, der als junger Mann selbst in die Fänge der Islamisten geriet und heute junge Häftlinge vom Weg in die Radikalisierung abbringen will. Es braucht die Politik, Verbände, gesellschaftliche Kräfte sonder Zahl und insbesondere mutige Muslime, um „Daesch“ und anderen Terrorgruppen den Nachwuchs zu entziehen. Es ist ein Kampf um die Köpfe und Herzen inzwischen mehrerer Generationen von jungen Menschen.

          Das ist keine neue Erkenntnis. Laetitia Moreau zeigt in ihrem Film aber, wie dringlich es ist, zu handeln. Der IS, sagt sie, wisse genau, „wie er den Jugendlichen ein schlüsselfertiges Lebens- und Todesprogramm verkauft. Jetzt sind wir dran, eine Alternative anzubieten.“ Das gilt nicht nur für Frankreich, sondern auch für Deutschland, das sich beeilen muss, will es die große Zahl junger muslimischer Flüchtlinge nicht den Salafisten und Islamisten überlassen. „Wir schaffen das“, sagt die Bundeskanzlerin seit Monaten. Ob sie eine Vorstellung davon hat, was es hier zu schaffen gilt?

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