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Film „Hans mit scharfer Soße“ : Da wird doch der Döner in der Pfanne verrückt

  • -Aktualisiert am

Auf Bräutigamschau: Sesede Terziyan, Demet Gül und Idil Üner (von links) in „Einmals Hans mit scharfer Soße“. Bild: © NDR/Boris Laewen

Wer eine flachwitzige Multikulti-Hanswurstiade sehen will, muss Arte einschalten. Wir sehen einen Lehrfilm darüber, wie eine Komödie nicht sein sollte: Deutsche und Türken als bunte Knallchargen.

          3 Min.

          Als im Jahr 1999 die Komödie „East is East“ herauskam, in der die Binnenkonflikte einer britisch-pakistanischen Familie mit einiger Komik ausgeschlachtet wurden, konnte man noch nicht ahnen, dass dieses Konzept bald hundertfach kopiert werden würde. Mit Ruhm bekleckert hat sich das Genre Culture-Clash-Komödie dabei nicht. Fast immer besteht das Grundproblem in der politischen Korrektheit, gerade da, wo mit politischer Unkorrektheit kokettiert wird. Die nämlich geht nie so weit, echte Dramatik aufbrechen zu lassen. Alles ist hier schließlich auf Versöhnung gerichtet.

          Dabei wäre durchaus denkbar, Depression, Verzweiflung, die Zerstörung von Familien durch Ehrenriten oder Rechtsradikale einzubauen. Dass dem nicht der Komödien-Part im Wege steht, zeigt etwa der furiose Film „Four Lions“ über eine Islamistenzelle in Sheffield, in der die Bomben tatsächlich explodieren. In den Culture-Clash-Komödien jedoch, die vom slapstickhaften Übersteigern zugeschriebener Stereotypen leben, geht es immer um Hochzeiten mit Hindernissen: „Romeo und Julia“ mit ethnokitschigem Ende.

          Der Vater stellt ein Ultimatum

          Es spricht außer Langeweile natürlich gar nichts gegen warmherzige Kulturverständigungskomödien mit Stempel der jeweiligen Integrationsbeauftragten, wenn sie filmisch passabel sind, die Witze sitzen und die Handlung süffig heruntergeht. Schlimmer wird es, wenn sich Plots in abgestandenen Klischeeparaden erschöpfen wie im Falle von „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“. Doch erst „Einmal Hans mit scharfer Soße“ unter der Regie von Buket Alakus markiert einen Tiefpunkt - ein Reinfall auf ganzer Linie. Idee, Buch und Vorlage, Inszenierung, Ausstattung, Kamera und Schauspiel - hier funktioniert einfach gar nichts.

          Ist er der Richtige? Steffen Groth und Idil Üner als verliebtes Paar. Doch muss man gleich heiraten?
          Ist er der Richtige? Steffen Groth und Idil Üner als verliebtes Paar. Doch muss man gleich heiraten? : Bild: © NDR/Boris Laewen

          Einzig der Titel klingt flott, mit dem sich dreihunderttausend Exemplare des biographisch angehauchten Romans der Journalistin Hatice Akyün verkauft haben, aus dem Ruth Toma ein denkbar seichtes Drehbuch gefiltert hat. Die Handlung ist schütter: Hatice (verpeilt niedlich gespielt von Idil Üner) ist eine erfolgreiche deutsche Journalistin mit türkischen Wurzeln und einer Abneigung gegen alles Türkische, auch wenn sie ihre Familie natürlich liebt. Als ihre jüngere Schwester Fatma (Sesede Terziyan) schwanger wird, beginnt ein Ultimatum: Der Vater (Adnan Maral) will dieser erst die Heirat erlauben, wenn die älteste Tochter, eben Hatice, unter der Haube ist. Das Projekt Mannsuche unter Zeitdruck führt zu allerlei lustig gemeinten, aber zähen Verwicklungen. Dabei hagelt es Weisheiten über „die Deutschen“ (teilen sich Rechnungen im Restaurant), die in erster Linie als emotional kontrollierte Deppen erscheinen, und „die Türken“, Goldkettenmachos und ehrversessene Gemüsehändler, die aber voller Seele und Herz sind. „Warum rasieren sich die Türkinnen nicht einfach?“, wird Hatice von einer Freundin gefragt, der man im Hamam gerade schmerzhaft Haare von den Beinen reißt. Antwort: „Weil das nicht weh tut.“

          Ein Kandidat nach dem anderen fällt durch, auch weil Hatice sich eben türkischer benimmt, als sie ahnt: Sie will einen Hans (Deutschen), aber feurig wie ein Türke (scharfe Soße) soll er schon sein. Da muss getrickst werden, bis am Ende die große Aussprache folgt und die Hanswurstiade in zuckrigen Baklavasümpfen versinkt. Dass diese Geschichte nicht berührt oder amüsiert, liegt vor allem daran, wie schlecht alles umgesetzt ist. Jeder noch so flache Witz wird ausgespielt, bis es weh tut. So wird eine Vater-Tochter-Autoszene fünfmal in Variation wiederholt. Gefühlte Stunden ziehen sich die scheiternden Dates hin. Die Dialoge sind unterirdisch. Am schlimmsten geraten die Schauspieleinlagen der türkischen Familie in ihrem teppichvollverkleideten Vorstadtbunker: Die verdrehten Augen, die brachial schlecht gemimte Verwunderung oder Empörung, das findet man sonst bei No-Budget-Soaps auf dem türkischen Sender TRT. Da kann sich der Zuschauer schon mal - wie die kochwütige Mutter Emine (Siir Eloglu) - selbst zuflüstern: „Allah, steh uns bei!“

          Auf die Nerven geht auch der Regieeinfall, die im Hinterkopf Hatices stets anwesende anatolische Dorfmeinung als Trachtengruppe zu visualisieren, die ständig ihren Senf hinzugibt: „Der Rock ist viel zu kurz!“ „Uuuh, was machen Mädchen da vor Heirat?“ Und dann wirken die Szenen mit den kleinen Männlein hier sogar technisch noch ungelenker als, sagen wir, die Unterhaltungen von Meister Eder mit seinem Pumuckl. Am schlimmsten ist, dass der Film, indem er auf Witzfiguren setzt und einzig einen milden Generationenkonflikt bewirtschaftet, Vorurteile eher bestätigt als abbaut.

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