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Queen-Doku bei Arte : Gestern eine Königin

Queen-Frontmann Freddie Mercury 1979 bei einem Konzert in in Hamburg. Bild: dpa

In dieser Dokumentation soll die Geschichte der legendären Rockband anhand der Entstehung des Songs „Bohemian Rapsody“ erzählt werden. Doch die Rechnung geht nicht ganz auf.

          Soll man eine Dokumentation über eine der größten Rockgruppen aller Zeiten an deren erstem Nummer-eins-Hit aufhängen? Das zumindest hat sich der Regisseur Rhys Thomas in den Kopf gesetzt, der die Geschichte der Band Queen anhand der Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte des Songs „Bohemian Rhapsody“ zu erzählen versucht. Anlass für die nun bei Arte ausgestrahlte BBC-Dokumentation aus dem Jahr 2015 war der vierzigste Geburtstag des Songs, der 1975 herauskam.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Titel des knapp einstündigen Films – 57 Minuten für Queen? allein das ist eine Majestätsbeleidigung – lautet denn auch ursprünglich „Queen: From Rags to Rhapsody“. Bei Arte heißt er: „Queen behind the Rhapsody“. Dieser vom Tellerwäscher-zum-Bohemien-Aspekt, der die Schilderung eines Prozesses vermuten lässt oder wenigstens Verweise auf die Herkunft der Protagonisten, findet aber kaum Platz zwischen den üblichen – nichtsdestotrotz herrlich anzuschauenden – Archivaufnahmen von Gigs und Interviews, aus dem die Doku sich zusammensetzt.

          Woher kamen diese dröhnend androgynen Gestalten, die der Rockmusik epische und mitunter auch ziemlich gekünstelte Qualitäten verliehen? Über die Herkunft der Band-Mitglieder erfährt der Zuschauer wenig. Der eine, Roger Taylor, sei mit dem Rucksack nach London gekommen. Der andere, Brian May, war Physikstudent. Freddie Mercury scheint man unterwegs in einem Bierglas gefunden zu haben. Charakter und Herkunft des charismatischen Frontmanns mit der vier Oktaven umspannenden Stimme, der 1991 an Aids starb, bleiben weitgehend im Dunkeln. Der Bassist John Deacon beteiligte sich erst gar nicht mit eigens für diese Doku abgegebenen Wortbeiträgen.

          Aneinanderreihung von Auftrittsorten und Tourneen

          Die Geschichte von Queen beginnt Ende der sechziger Jahre mit der Band Smile, die Brian May gegründet hatte und in der schon Roger Taylor Schlagzeug spielte. Erst nachdem diese Band gescheitert war, sagt May, sei ihnen klargeworden, wie sie es künftig nicht mehr machen wollten. So entstand Queen. Der Name, sagt Freddie Mercury im zitronengelben Polohemd, „bot sich einfach an für all das, was wir so vorhatten“. Man sieht den vieren, wie sie so aus den mal farbigen, mal schwarzweißen Archivaufnahmen sprechen, gerne zu – wäre nur die Übersetzung nicht so entsetzlich. Doch spätestens nach zwanzig Minuten merkt man: Queen erzählen über Queen, die Gesetzmäßigkeiten der Musikindustrie und die eigene Überheblichkeit. Der junge Taylor gibt zu: „Wir waren so arrogant. (Kunstpause). Ich weiß nur nicht, warum.“ Außenstehende indes kommen kaum zu Wort.

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          Die zu spät gekommenen Queen- Fans, die nach „Live at Wembley ’86“ geborenen, werden immerhin mit ein paar frühen Songs belohnt, darunter der allererste, „Keep Yourself Alive“. An Untiefen ist diese Erzählung nicht interessiert. Der Zuschauer vollzieht den Werdegang der Band als Aneinanderreihung von Auftrittsorten und Tourneen nach. Queen träumt von einem Auftritt im Rainbow-Theatre. Bald spielt die Band auch dort.

          Ein netter Exkurs ist die Tour der Musiker durch Japan, wo ihr Auftritt einen regelrechten Ausnahmezustand auslöste: Weibliche Fans lauern in Hotels hinter Zimmerpflanzen, während Freddie, Brian, John und Roger im Park aufgereiht kniend einer Teezeremonie beiwohnen. Nachdem die Alben „Queen“, „Queen II“ und „Sheer Heart Attack“ (mit „Killer Queen“) abgearbeitet sind, beschäftigt sich das letzte Drittel des Films mit der Produktion des Albums „A Night At The Opera“ und der wüsten Entstehung des Songs „Bohemian Rhapsody“. Und auch wenn es schöne Probenaufnahmen gibt, die Freddie Mercury regelmäßig mit einem „Fuck“ beendet, zieht sich dieser Teil doch in die Länge. Immerhin lernen die nicht ganz so textsicheren Zuschauer, dass es in Queens Paradesong nicht „beyond the Book“, sondern „Be-elze-bub“ heißt. Dazu Freddie: „Ein großartiges Wort, oder?“ Im Übrigen heißt es auch nicht „Miss Miller“, sondern „Bismillah“, Arabisch für „im Namen Gottes“. Das musste dringend noch einmal geklärt werden.

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