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Fernsehfilm im Ersten : Wie kamen deutsche Waffen nach Mexiko?

„Meister des Todes“ zeigt die fiktionale Verdichtung einer wahren Geschichte. Der Journalist Daniel Harrich hat sie ans Licht gebracht: wie Gewehre made in Germany illegal verkauft werden - und wem sie in die Hände fallen.

          Als zu diesem Film die Vorbereitungen getroffen wurden, stellten sich die meisten Beteiligten auf eine romantische Komödie ein. Im Schwarzwald sollte sie spielen und kein Wässerchen trüben. Doch in Wahrheit ging es um ein Geheimprojekt, das eines der wichtigsten der ARD in der jüngsten Zeit darstellt. „Meister des Todes“ erzählt eine fiktive Geschichte mit sehr realen Hintergründen und grausamen Folgen, ans Licht der Öffentlichkeit gebracht durch die erstklassige Recherche eines Journalisten: Ein deutscher Waffenhersteller liefert Sturmgewehre nach Mexiko, wo sie prompt in die Hände der Falschen gelangen. Mit den „Geräten“, wie die Waffen bei der Firma HSW heißen, werden zwei Studenten erschossen. Daran, dass dies den Weg der Waffen nicht aufhält, haben viele ein Interesse. In Deutschland muss man nur an den richtigen Strippen ziehen, und in Mexiko werden Konflikte auf die bekannte Art und Weise gelöst - mit einer Kugel.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Eine Salve wird auch in Deutschland abgegeben - auf das Haus und die Familie von Peter Zierler (Hanno Koffler). Damit der „Verräter“ die Botschaft endlich versteht. Der Präzisionsschütze war mit seinem Chef Alex Stengele (Heiner Lauterbach) nach Mexiko gereist, um mit Otto Lechner (Udo Wachtveitl), dem dortigen Statthalter der HSW, das „Gerät“ vorzuführen. 220 000 Gewehre will Unternehmenschef Heinz Zöblin (Axel Milberg) an die Mexikaner verkaufen. Wie man die Auflagen des Auswärtigen Amts und des Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle dem Buchstaben nach befolgt, in Wahrheit aber unterläuft - das ist der Job des Vertriebschefs Stengele. Der Boss will im Zweifel nichts von dem gewusst haben können, was seine Emissäre in Mexiko treiben.

          Der Firmenboss weiß Bescheid

          Das Gewehr heißt SG38, der Name der Firma lautet HSW, doch ist das Vorbild unverkennbar: Seit fünf Jahren ermittelt die Staatsanwaltschaft Stuttgart gegen den Waffenhersteller Heckler & Koch. 9500 Gewehre der Marke G36 sind illegal nach Mexiko gelangt. Die Verantwortung dafür wies und weist die Firma zwei Mitarbeitern zu, denen man gekündigt habe. Die Betroffenen haben allerdings inzwischen erfolgreich gegen ihre Kündigung geklagt. Und die Staatsanwaltschaft hat nicht nur zwei Verdächtige am Wickel.

          Davon erfahren wir in der Dokumentation „Tödliche Exporte - Wie das G36 nach Mexiko kam“ von Daniel Harrich, welche die ARD direkt nach dem Spielfilm zeigt, dessen Drehbuch Gert Heidenreich gemeinsam mit Harrich geschrieben hat. In der Dokumentation wie im Spielfilm können wir uns ausmalen, wie überzeugend die Argumentation ist, von einem solchen Waffenhandel hätten nur zwei Leute gewusst und eigenmächtig gehandelt. Wie es wirklich funktioniert, sehen wir: Der Firmenboss weiß Bescheid, er delegiert die Einzelheiten an seine Leute, die geben in der „Endverbleibserklärung“ an, das Gewehr werde nur in Provinzen Mexikos geliefert, gegen die keine Bedenken bestünden, die für die Ausfuhrkontrolle zuständige Behörde ist zufrieden, das Bundeswirtschaftsministerium auch, der Botschafter vor Ort sorgt dafür, dass die richtigen Leute miteinander ins Gespräch kommen, damit die „Geräte“ gen Mexiko gehen. Es gilt, was HSW-Vertriebschef Stengele sagt: „Was die am Ende damit machen, interessiert in Berlin keine Sau. Und uns erst recht nicht.“

          Zunächst hilft nicht einmal die Polizei

          Den jungen HSW-Mitarbeiter Zierler interessiert es, und er findet, es sollte die ganze Welt interessieren. Auch zu seiner Figur gibt es im wahren Leben ein oder gleich mehrere Pendants; Kronzeugen, auf die sich Harrich stützt und die geschützt werden müssen. Im Film hilft dem geläuterten Waffenspezialisten Zierler nach den Schüssen auf seine Familie zunächst nicht einmal die Polizei. Die Beamten wollen keine Anzeige aufnehmen, sie sehen keine „konkrete Gefährdungslage“. In Mexiko fallen ebenfalls Schüsse. Dort treffen sie ihr Ziel. „Du weißt doch, wie hier so etwas erledigt wird“, sagt Otto Lechner zu einem Verbindungsoffizier der Bundeswehr. Lechner wird recht behalten. Er steht auf der Abschussliste wie der Vertriebschef Stengele, der lange braucht, bis er kapiert, wie er wenigstens seinen eigenen Kopf rettet.

          Das ist kein Thriller, auch wenn man den Spielfilm dafür halten und die verschlungenen Fäden eines Netzwerks aus Politik und Wirtschaft für erfunden halten möchte. Harrichs Recherche zeigt vielmehr, dass das Klischee der Realität entspricht. Von dieser entfernt sich der Film nur insofern, als er einen positiven Helden in den Mittelpunkt der Handlung stellt, in dessen Person sich mehrere reale Vorbilder spiegeln. Die Schauspieler, denen zuweilen etwas sperrige Texte aufgegeben sind, verzichten im Dienst dieses nicht herkömmlichen Films auf jeden Firlefanz. Mit Hanno Koffler, Heiner Lauterbach, Udo Wachtveitl, Axel Milberg, Alina Levshin, Veronica Ferres als Frau des HSW-Vertriebschefs, Herbert Knaup als Politiker, der engen Kontakt zu der Waffenschmiede in seinem Wahlkreis hält, und noch einigen anderen verfügt „Meister des Todes“ über ein hochkarätiges Ensemble, mit dem die beteiligten Sender BR, SWR und ARD Degeto ebenfalls ein Zeichen setzen.

          Diesen Film, den der Rechercheur Daniel Harrich gemeinsam mit seinen Eltern Danuta Harrich-Zandberg und Walter Harrich und deren Firma Diwa-Film auch produziert hat, sollte man auf keinen Fall verpassen. Den Film nicht und die anschließende Dokumentation auch nicht. Dann weiß man, dass es mit dem Sturmgewehr G36, das die Bundeswehr gerade ausmustert, nicht nur Probleme wegen mangelhafter Treffsicherheit gibt.

          Die Staatsanwaltschaft Stuttgart, die zu der Mexiko-Connection jetzt wirklich schon sehr lange ermittelt und der seit einem Jahr ein Gutachten des Kölner Zollkriminalamts vorliegt, in dem angeblich alles drinsteht, hat kundgetan, sie werde das Verfahren in den nächsten Wochen abschließen. Auf das Ergebnis darf man gespannt sein.

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