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TV-Film „Eine Handvoll Briefe“ : Lasst Blumiges sprechen

  • -Aktualisiert am

Von wem stammen bloß die Liebesgedichte in dem alten Koffer, den Kristin geschenkt bekommen hat? Der Film „Eine Handvoll Briefe“ glaubt zu wissen, was Frauen über Vierzig vom Leben erwarten.

          Ist das nicht arg schmalzig? Kristin (Ursula Strauss) ist eine unabhängige Frau mit gutem Job und heißer Affäre mit ihrem Chef Werner (Hary Prinz). Statt im Bett eine rauschende Party zu feiern, versetzt der sie an ihrem vierzigsten Geburtstag, als Frau und Kinder überraschend im Großraumwagen vorfahren, und schickt später eine verlogenes „miss you“ auf ihr Handy. Kindheitsfreund Lenny (Florian Teichtmeister) hat nicht nur den goldigsten Strubbeljungscharme in petto und die liebenswerteste Nerd-Brille auf der Nase, sondern am Flughafen auch ganz romantisch einen nicht abgeholten Damenkoffer für Kristin ersteigert.

          Doch selbst das unbekannte Leben ist eben nicht einfach voller Überraschungen, nicht einmal in Gestalt eines fremden Koffers, sondern vollgestopft mit Sachen, die man ohnehin erwartet. Im Reiseutensil finden sich Geschäftsreise-Pumps, die üblichen Kleidungsstücke, eine Kreditkartenabrechnung mit Name und Kontodetails. Aber auch ein nicht abgeschickter Brief mit Adresse. Und eine Mappe mit Natur- und Liebeslyrik, romantisch und herzzerreißend, wärmend wie inneres Kaminfeuer. Wo ist der Mann, der so schreibt und Gefühle in Worte fasst?

          Auf der Suche nach einem Dichter

          Das ist hier die Leitfrage, die Kristin bei ihrer zwanghaft betriebenen Lebensnachrecherche zu sich selbst und ihrer eigenen Liebeserfüllung führt. Die Frau, der der Koffer gehörte, ist zwei Jahre zuvor bei einem Flugzeugabsturz gestorben. Ihr Ehemann kann der Verfasser von See-im-Mondschein-Lyrik kaum sein. Höchst unwahrscheinlich. Also ein geheimer Liebhaber. Kristin findet Leo Anders (Fritz Karl), der sich just vor zwei Jahren Hals über Kopf von seiner Wiener Augenarztpraxis getrennt hat, um im beschaulichen niederösterreichischen Waldviertel die Papiermühle seiner Eltern wieder in Betrieb zu nehmen.

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          Nun schöpft er, famos unglücklich, das Büttenpapier mit dem entsprechenden Handwerkerstolz, pflückt Blumen, um sie hübsch sorgfältig in die Papiermaische einzuarbeiten, und kocht Münchner Knödel mit Schweinsbraten, gelernt von der Münchner Mutter, damit der deutsche Fernsehzuschauer sich in dieser österreichisch geprägten Koproduktion nicht allzu verloren findet. Kristin heuert bei ihm als Helferin an. Ist er vielleicht der Richtige für sie? Lenny stürzt sich derweil in eine heiße Affäre mit Kristins Freundin Alma (Doris Schretzmayer), die in ihrem diät- und fitnessgestylten Körper „gar nicht so frustriert ist wie die meisten Frauen in ihrem Alter“. Man soll ahnen, wer der Verfasser der Gedichte ist, wenn Alma Lenny fragt „Worauf stehst du im Bett?“ und der schlicht erwidert: „Liebe“.

          Was Frauen wollen

          Wäre es nicht vom Regisseur Wolfgang Murnberger mit leichter Hand an den ganz breiten Schmalzpfützen vorbei inszeniert, man könnte „Eine Handvoll Briefe“ als Werk der Unterhaltung umstandslos abhaken. Vor allem, weil es natürlich Frauen über vierzig und ihr Liebesverlangen in bekannter Manier denunziert. Frauen, so die Ansicht, wollen Verschmelzung und symbiotische Beziehungen, ferner ein heißes Sexleben, Fürsorge, Kinder, Haus und echtes Interesse an ihrer Person; Männer dagegen beschränken sich auf Sex und Verständnis für ihre Nöte. Allerdings mit Ausnahme von Lenny, der dem Autor Uli Brée („Vorstadtweiber“, „Paul Kemp“) als echter Gendermix aus dem Drehbuch kommt. Für Kristin ist der Jugendfreund deswegen erst einmal die „Seelenschwester“. Bevor ihr nach und nach die Augen aufgehen.

          Das Waldviertel ist selbstredend extrem schön (gefilmt) und selbst im Wolkenbruch so attraktiv wie kein Viertel von Wien (Kamera Hermann Dunzendorfer). Mit Mariele Millowitsch als Kristins desillusionierter und mit entsprechenden Sprüchen ausgestatteter Mutter hält „Eine Handvoll Briefe“ dann noch eine Figur bereit, die dem Zuschauer ein paar „Harry und Sally“-Momente gewährt: „Wir hoffen immer, dass das Leben einen Wonderbra bereithält, und dann ist es wieder nur eine Baumwollunterhose.“ Doch es könnte auch das Tête-à-tête mit einem verständnisvollen Mann am Seeufer bei Vollmond geben, meint dieser Film, dessen Geschichte man den Hinweis hinzufügen kann, dass Frauen von einem gewissen Alter an nicht nur am Rand der Hoffnungslosigkeit balancieren müssen.

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