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„Apokalypse Erster Weltkrieg“ im TV : Die großen Schlachten sehen wir in Farbe

Gruppenbild mit Kleinkind im Jahr 1914: Im Hintergrund putzen Soldaten ein Maschinengewehr. Bild: ECPAD

Das aufwendige Filmprojekt „Apokalypse Erster Weltkrieg“ koloriert Originalaufnahmen nach und lässt Panzer und Flugzeuge zeitgenössisch klingen. Ein Aha-Erlebnis. Aber ist das noch eine Dokumentation?

          2 Min.

          „Wenn die Kameraleute damals gekonnt hätten, dann hätten sie in Farbe gedreht“, sagt Louis Vaudeville. „Schwarzweiß ist eine Amputation der Wirklichkeit.“ So betrachtet, wäre die fünfteilige Dokumentationsreihe „Apokalypse Erster Weltkrieg des National Geographic Channel“ ein Stück näher an der Wirklichkeit als die Originalaufnahmen. Denn für sie wurden alle schwarzweißen Bilder mit Farben koloriert, die den zeitgenössischen Farben entsprechen sollen, und zudem mit einer Tonspur unterlegt, die Geräusche hören lässt, wie sie mit diesen Bildern vielleicht hätten aufgenommen werden können. Das Ergebnis ist beeindruckend. Zu diskutieren ist allerdings, ob es sich noch um eine Dokumentation handelt.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          Vaudeville ist Produzent der Reihe, die von diesem Freitag an erstmals auf Deutsch über den Bezahlsender Sky zu empfangen ist. Im französischen Original, im vergangenen Frühjahr auf dem öffentlich-rechtlichen Sender France 2 ausgestrahlt, war es ein unerwarteter Publikumserfolg. Knapp sechs Millionen Zuschauer, ein Marktanteil von 22,5 Prozent, wurden nach Angaben der Produzenten gezählt. Die deutsche Vorab-Premiere fand in Wien statt - offenbar ein Bezug auf den Auslöser jener Apokalypse, die Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Franz Ferdinand und seiner Frau Sophie vor hundert Jahren.

          Für die Produktion wurde also gesammelt, was in der Welt an einschlägigem Filmmaterial zur Verfügung steht (nur die Türkei habe sich dem Ansinnen aus Frankreich verschlossen, sagt Vaudeville), gereinigt, korrigiert und von 4:3 auf das heute gebräuchliche Format 16:9 geschnitten. Dann wurde Bild für Bild computergestützt koloriert. Dafür haben die Rechercheure erhaltene Originalteile und originale Farbbilder zugrunde gelegt. Ähnlich ist man bei den Tönen vorgegangen. Wo Musikstücke eingespielt werden, handelt es sich um zeitgenössische Aufnahmen, für Geschütz- oder Motorgeräusche hat man sich an den Geräuschen orientiert, die überlieferte Originalgeschütze oder Flugzeuge machen.

          Oft funktioniert nach diesem Prinzip auch die Übereinstimmung von Bild und Text: Es könnte so gewesen sein. Beispiel: Ein Schwenk über eine kriegsverwüstete Landschaft. Totenstille. Der Text handelt vom Kriegsende. Dann eine Aufnahme von einem Toten in kanadischer Uniform, der geborgen wird. Text: Der letzte Tote des Krieges sei der kanadische Soldat George Lawrence Price gewesen. Natürlich zeigt das Bild nicht genau diesen Toten.

          Der Lärm des Krieges lässt die Soldaten ertauben, aber der Kampf geht weiter: Französische Kanoniere laden nach. Bilderstrecke
          Der Lärm des Krieges lässt die Soldaten ertauben, aber der Kampf geht weiter: Französische Kanoniere laden nach. :

          Distanzierende Hinweise in Wort oder Text wären in solchen Fällen nicht möglich gewesen, sagt Vaudeville. „Das würde den Film töten.“ Obwohl die Bilder im Ergebnis immer noch eine „antike“ Patina haben, wird tatsächlich ein gutes Stück der Distanz überwunden, die sonst die bekannten Aufnahmen aus der Frühzeit der Bewegtbilder erzeugen: ruckartig, schattenhaft und eben farblos. „Apokalypse Erster Weltkrieg“ ist insofern ein Aha-Erlebnis. Doch dass dadurch tatsächlich der Zuschauer mehr Erkenntnis über die Zeitumstände erhält, ist eine Illusion. Was in Fernsehdokumentationen ohnehin die Regel geworden ist, wird dadurch verstärkt: Die Bilder werden der Erzählung dienstbar gemacht. Das Narrativ ist in diesem Fall französisch-republikanisch oder auch sozialistisch nuanciert, doch darum geht es nicht. Der Dokumentation kann nicht vorgeworfen werden, dass sie einseitig sei. Die Frage ist, wie gesagt, grundlegender Natur: ob eigentlich noch von einer Dokumentation gesprochen werden kann.

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