https://www.faz.net/-gsb-8xm4f

TV-Kritik: Anne Will : Was Deutsche und Franzosen aneinander haben

  • -Aktualisiert am

Ursula von der Leyen und Alfred Grosser waren gestern bei Anne Will. Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Der Sieg Emmanuel Macrons in Frankreich war natürlich auch das Thema von Anne Will. Die Debatte war lehrreich. Und eine deutsche Ministerin wusste sie auch für sich selbst zu nutzen.

          4 Min.

          Die französische Nachkriegspolitik war bisher von zwei entscheidenden Ereignissen geprägt worden. Zum einen von der Gründung der 5. Republik durch General de Gaulle im Jahr 1958 und von der Wahl François Mitterrands zum Staatspräsidenten dreiundzwanzig Jahre später. Mit Charles de Gaulle verbindet sich die Stabilisierung eines bis dahin von notorischen Krisen geprägten parlamentarischen Regierungssystems. Mit Mitterrand dagegen der Abstieg der französischen Kommunisten, die bis dahin ein zentraler Faktor in der französischen Politik gewesen waren.

          Nur vor diesem Hintergrund ist eine Aussage zu verstehen, die für deutsche Ohren immer noch seltsam anmutet. Was der gestern gewählte Emmanuel Macron wolle, so fragte Frau Will den Publizisten Alfred Grosser. „Soziale Marktwirtschaft“ war seine Antwort – und bisher habe das in französischen Ohren „fürchterlich“ geklungen.

          „Revolution der Jugend“

          Der mittlerweile 92 Jahre alte Grosser ist nicht irgendwer. Wie kaum ein anderer hat er nach 1945 versucht, den Deutschen Frankreich und den Franzosen Deutschland zu erklären. Für Grosser ist Macron eine Hoffnung, damit Frankreich aus seiner politischen und ökonomischen Selbstblockade herausfindet. Er machte das am Beispiel der „Sozialpartnerschaft“ deutlich. Weder die Gewerkschaften noch die Unternehmerverbände konnten bisher etwas mit diesem deutschen Begriff anfangen. Die einen wollten nicht mit dem Kapitalismus kooperieren, die anderen betrachteten ihn als Angriff auf ihre unternehmerische Autonomie.

          Grosser erwartet von Macron die Aufhebung solcher institutionellen Blockaden. Deshalb nennt er dessen Wahlsieg eine „Revolution der Jugend.“ Sie soll ein politisches System modernisieren, das wohl nicht nur in Grossers Perspektive im alten Klassenantagonismus stecken geblieben ist. Zudem mit einer politischen Elite in Paris, der weitgehend die soziale Basis abhanden gekommen ist. Die Arbeiter wählen heute häufig den Front National Marine Le Pens.

          Es gehörte allerdings schon immer zu den Qualitäten Grossers, den beiden Nationen ihre jeweiligen Defizite deutlich zu machen. In Frankreich ist es der Minderwertigkeitskomplex gegenüber der deutschen ökonomischen Stärke. Vor allem die französische Elite war fast schon besessen von der Idee deutscher Effizienz. Sie bewunderte die Deutschen und fürchtete sie zugleich. In den vergangenen zehn Jahren hat sich das zu einer fundamentalen Identitätskrise ausgewachsen. Die These von der „Sozialen Marktwirtschaft“ ist somit nicht als Aufforderung Grossers an die Franzosen misszuverstehen, endlich wie die Deutschen zu werden. Sie müssen sich vielmehr von ihrer Fixierung auf Deutschland lösen. Das ist damit gemeint.

          Etwas für Frankreich tun

          Und deshalb reicht es eben nicht, den Wahlausgang auf den Sieg der europäischen Idee über den Nationalismus zu reduzieren. Man könnte mit Europa wieder Wahlen gewinnen, so Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU). Oder es wäre laut dem Luxemburger Ministerpräsidenten Xavier Bettel ein „starkes Signal“, wenn auf der Siegesfeier Macrons statt der „Marseillaise“ die Europahymne „Freude schöner Götterfunken“ zu hören wäre. So verdient immerhin „ein Karajan noch Geld“, wie Grosser süffisant anmerkte. Beide waren nämlich angesichts der Erleichterung über den Wahlausgang prompt in jene wolkige Europarhetorik zurückgefallen, die erst die Krise verursacht hat.

          Nur waren die hehren europäischen Ideale und Politik als Formulierung frommer Wünsche bestimmt nicht die Ursache für den Wahlsieg Macrons. In Wirklichkeit sind damit Erwartungen an die europäische Innenpolitik verbunden. Oder will jemand wirklich in wenigen Jahren Marine Le Pen recht geben müssen? Sie hatte im Wahlkampf verkündet, dass Frankreich auf jeden Fall von einer Frau regiert wird: Entweder von ihr - oder von Angela Merkel.

          Weitere Themen

          Die neue deutsch-französische Devise

          Merkel trifft Macron : Die neue deutsch-französische Devise

          Für mehr als freundschaftliche Gesten fehlen Angela Merkel und Emmanuel Macron derzeit die Kraft: neue EU-Kommission, Rüstungsexportregeln oder EU-Beitrittsverhandlungen – gemeinsam gelingt ihnen vor allem das Vertagen.

          Schwarze Titelseiten in Australien Video-Seite öffnen

          Ruf nach Pressefreiheit : Schwarze Titelseiten in Australien

          Einige der großen Tageszeitungen in Australien erschienen am Montag mit geschwärzten Titelseiten. Damit wollten die Blätter nach eigenen Angaben auf die australische Gesetzgebung aufmerksam machen. Diese erschwere Journalisten die Arbeit, biete keinen ausreichenden Schutz der Pressefreiheit und lasse etwa die Durchsuchung von Redaktionsräumen zu.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.